Gott im Web": Tagung plädiert für offensive Webnutzung
Medienbischof Kapellari: Netz als "Areopag der Zivilgesellschaft" erklimmen - Kulturjournalist Kissler: "Christliches Proprium" in Netz sind Verlässlichkeit, Höflichkeit, Kompetenz und Persönlichkeit
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Wien 28/29.04.2012 (KAP) Die sozialen Netzwerke im Internet bieten weitaus mehr Chancen für eine neue christliche Kommunikationskultur als Risiken. So lautete der Tenor eines zweitägigen Symposions über "Gott im Web", das am Freitag im Wienerwaldstift Heiligenkreuz stattfand. Christen dürften keine Angst haben, diesen "Areopag der Zivilgesellschaft" zu erklimmen, unterstrich am Ende des ersten Tages der österreichische Medienbischof Egon Kapellari bei einem Vespergottesdienst.
Zugleich warnte Kapellari aber auch vor einer "weit verbreiteten Verflachung des Redens". Dies gelte insbesondere für die neuen Medien. Eine kritische Haltung müsse keinen "Kulturpessimismus" bedeuten, sondern herausfordern, "Wort und Wahrheit nicht auseinanderfallen zu lassen", so Kapellari. Das Wort Gottes suche - durch alle sprachliche Verwirrung hindurch - "Gehör auf der Agora der Zivilgesellschaft und auf dem Areopag der Medien" - es "mit Herz, Hirn und Hand" zum Durchbruch zu verhelfen sei letztlich der Auftrag für die Christen in den neuen Medien.
"Verlässlichkeit, Höflichkeit, Kompetenz"
Eröffnet wurde die Tagung, an der auch Kurienerzbischof und Präsident des päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel, Claudio Maria Celli, sowie Militärbischof Christian Werner und der Grazer Weihbischof Franz Lackner teilnahmen, vom deutschen Kulturjournalisten Alexander Kissler. Dabei skizzierte Kissler die Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches christliches Agieren im Internet, insbesondere in den sozialen Netzwerken.
Als spezifisches "christliches Proprium" hätten die Christen "Verlässlichkeit, Höflichkeit, Kompetenz und Persönlichkeit" in die Netzwerke einzubringen. Nur so könne es gelingen, ein - so Kissler unter Verweis auf Benedikt XVI. - "neues Ökosystem" im Netz zu schaffen, "das Stille, Wort, Bilder und Töne in ein neues Gleichgewicht bringen kann".
Weiters ortete Kissler die Chance für christliche Web-Initiativen, "die Ritualfähigkeit des spätmodernen Menschen zu stärken". So regte er etwa an, zeichenhaft am Karfreitag und -Samstag christliche Website "schwarz zu verhängen", um somit ein besonderes Zeichen zu setzen.
In einem kursorischen Überblick zeigte der Journalist weiters auf, dass es keinen ernsthaften Weg mehr für die Kirche vorbei an den sozialen Netzwerken gebe. So seien etwa bereits rund 90 Prozent der 14- bis 29-Jährigen in einem solchen Netzwerk aktiv - Tendenz weiter steigend. Der Reiz bestehe darin, dass "der Mensch ein Beziehungswesen ist, das Aufmerksamkeit möchte und sich um seine Beziehungen sorgt". So mutiere der "Beziehungsstatus" im Web zugleich zum "neuen Goldstatus unserer Identität".
"Große utopische Kraft"
Zugleich dürfe man das Netz jedoch auch nicht einseitig positiv betrachten. So bestehe die Gefahr, dass ein Höchstmaß an Transparenz zugleich "verschwistert mit Totalitarismus" sein könnte. Es habe sich eine "Beweislastumkehr" eingestellt: "Nicht mehr derjenige, der von sich im Netz etwas preisgeben möchte, muss sich rechtfertigen, sondern derjenige, der nichts von sich preisgeben möchte."
Dennoch beinhalte das Netz eine "große utopische Kraft", da es "spontane, noch nicht vom Machtmonopol verschlüsselte Zugänge zum Leben" biete. Diese gelte es zu stärken - gerade auch aus christlicher Perspektive, so der Appell des Journalisten.
Celli: Stille ist Grundlage der Kommunikation
Auf die Bedeutung der Stille für gelingende, tief gehende Kommunikation hat der Kurienerzbischof Claudio Maria Celli hingewiesen. Stille und Kommunikation stellten keine Gegensätze dar, sondern stehen in einem dialektischen Verhältnis, unterstrich Celli bei einer Tagung über "Gott im Web" am Samstag in Stift Heiligenkreuz. Celli ist als Präsident des päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel zugleich Hauptredner der Tagung über den Umgang der Kirche mit den neuen sozialen Netzwerken.
In seiner Wortmeldung bei einer Diskussion erinnerte Celli zugleich an die aktuelle Botschaft von Papst Benedikt XVI. zum Welttag der sozialen Kommunikationsmittel. Darin habe der Papst gerade zur bewussten Nutzung dieser neuen Kommunikationsformen aufgerufen und zugleich die Bedeutung der Stille festgehalten. "Die Kirche sollte heute ein Lehrer der Stille sein", so Celli, denn "Stille eröffnet erst die Möglichkeit eines tiefen Dialogs". Diese Stille gelte es in den hektischen Kommunikationsformen in den neuen Medien heute neu zu entdecken.
In einer ersten thematischen Einheit haben verschiedene kirchliche Initiativen ihre Webaktivitäten vorgestellt - darunter das gastgebende Wienerwaldstift Heiligenkreuz selbst. Das Stift ist sehr aktiv im Web 2.0 unterwegs - von einem umfangreichen Youtube-Video-Kanal mit über 2,4 Millionen Videoaufrufen über eine Facebook-Präsenz und eine eigene, stark frequentierte Website. "Sei niemals zufrieden mit Mittelmäßigkeit" - diesen Satz Johannes Pauls II. habe man sich bei allen Aktivitäten im world wide web zu eigen gemacht, so die zuständigen Patres Johannes Paul Chavanne und Pater Kilian Müller. Verkündigung und Information seine die beiden Ziele des Stiftes im Netz. Und Pater Karl Wallner, Medienverantwortlicher des Stiftes, ergänzte: "Die Neuevangelisierung wird es ohne das Netz nicht geben".
Weiters präsentierten sich bei der Tagung ein neues katholisches Schweizer Jugendradio "fisherman.fm" sowie die Linzer Internetinitiative "kath.net". Über die Gratwanderung zwischen harten ökonomischen Absatzinteressen und breiter Webpräsenz berichteten Nils Baer und Stefan Ahrens im Blick auf den "Jugendkatechismus YOUCAT im Web 2.0". Mit 1,7 Millionen verkauften Exemplaren ist der von der österreichischen Bischofskonferenz herausgegebene Jugendkatechismus ein echter Bestseller - bis Ende des Jahres soll er in 30 Sprachen vorliegen und mittelfristig um einen "DoCat", einen Taschenkalender, ein Firmbuch und - in Kürze - um ein "YOUCAT-Zentrum" in Augsburg ergänzt werden.
Dem Verkaufsinteresse des Verlags steht auf der anderen Seite eine rege Facebook-Aktivität auch für den YOUCAT gegenüber. So verzeichne die Seite rund 25.000 "Follower", die sich laufend online über die Inhalte austauschen und etwa eine "Frage des Monats" aus dem Inhalt des Werkes diskutieren.