"Ohne soziale Gerechtigkeit hat Europa keine Zukunft"
Wiener Erzbischof diskutierte mit Ex-EU-Kommissionspräsident Prodi über künftige europäische Herausforderungen - Prodi hofft nach Wahl Hollandes auf demokratischeres Europa
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Wien, 09.05.2012 (KAP) Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich in Europa hat Kardinal Christoph Schönborn als zentrale Herausforderung bezeichnet, an der sich die Zukunft Europas entscheiden werde. Wenn nicht endlich Schritte gegen die enorme soziale Ungerechtigkeit unternommen werden, würden soziale Spannung wen immer stärker zunehmen, warnte der Wiener Erzbischof am Dienstagabend bei einer Podiumsdiskussion in Wien, an der er gemeinsam mit dem ehemaligen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi, teilnahm. Die Diskussion stand unter dem Motto "Ohne Visionäre - Europa vor dem Kollaps?"
Prodi wollte die sozialen Ungerechtigkeiten nicht auf Europa beschränkt wissen. Dass die Kluft immer weiter auseinandergeht, könne man etwa auch in aufstrebenden Staaten wie China oder Indien feststellen.
Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler sprach von einer "weltweiten moralischen Krise". Schuld daran sei jene wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Doktrin, die in den 1980er-Jahren mit Ronald Reagan und Margret Thatcher ihren Anfang genommen habe: Die Doktrin vom freien, unkontrollierten Markt. Das habe zwangsweise zu immer mehr Ungerechtigkeiten weltweit geführt, zeigte sich Prodi überzeugt.
Diese Doktrin habe die Mentalität und Denkweise der Menschen infiltriert, so der Ex-EU-Kommissionspräsident, der auch zwei Mal italienischer Regierungschef war: "Wer als Politiker positiv über Steuern spricht, verliert die nächste Wahl."
Politische und soziale Hoffnungen setze Prodi in den neuen französischen Präsidenten Francois Hollande. Er glaube an ein Frankreich, das künftig verantwortungsbewusster agieren werde. Die einseitige europäische Dominanz Deutschlands in Kombination mit Frankreich müsse überwunden werden. Alle EU-Staaten müssten in Entscheidungsprozesse wieder stärker einbezogen werden. Europa braucht wieder mehr Demokratie - so Prodi - und eine weniger rigide Sparpolitik.
Kardinal Schönborn bekannte auf Anfrage, dass er sich als Europäer fühle. Die Vorstellung, dass man wieder hinter die bereits bestehende europäische Integration zurückgeht, bereite ihm Albträume. Schönborn: "Ich bin fest davon überzeugt, dass es bereits eine Art gemeinsame europäische Identität gibt, die aber noch weiter kultiviert werden muss." Als zentrale Elemente dieser Identität nannte der Kardinal u.a. die unabdingbare Würde jedes Menschen, Freiheit und Verantwortung sowie die Bedeutung des Gemeinwohls.
Zugleich warnte Schönborn warnte vor einer zunehmenden Christophobie. Europa habe großteils christliche Wurzeln. Das sei eine Tatsache, "und dafür brauchen wir uns wirklich nicht zu schämen".
Der "Talk im Dialog über Gott und die Welt" in der Wiener Technischen Universität wurde von der Akademie für Evangelisation der Gemeinschaft Emmanuel in Wien veranstaltet.