"Wir reden viel zu viel über Kirchenkrise"
Deutscher Arzt und Theologe in Kärntner "Sonntag": "Konservative" und "Progressive" in der Kirche sollten weniger jammern und die je anderen mehr wertschätzen
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Klagenfurt, 24.05.2012 (KAP) "Ich finde, wir reden viel zu viel über Kirchenkrise": Auf diese seit 40 Jahren andauernde Fixierung, die allerdings "nicht weiter führt", wies der deutsche Arzt und Theologe Manfred Lütz in der Kärntner Kirchenzeitung "Sonntag" hin. "Wenn ich mit einem Depressiven dauernd über seine Depressionen rede, wird der auch nicht glücklich", argumentierte der Autor von Erfolgsbuchtiteln wie "Der blockierte Riese" (1999) und "Gott: Eine kleine Geschichte des Größten" (2007) im Gespräch mit Chefredakteur Gerald Heschl.
Lütz richtete eine Mahnung sowohl an die "Konservativen" als auch an die "Progressiven" in der Kirche. Erstere würden den Zeitgeist bejammern, letztere sich über den Papst aufregen. "Es wäre viel schöner, wenn sich die Konservativen einmal überlegen würden: Was ist eigentlich das Gute daran, dass es die Progressiven gibt? Und die Progressiven: Was ist das Gute daran, dass es die Konservativen gibt?" Lütz plädiert für "Einheit in Vielfalt" - diese Formel stehe für das Geheimnis der Kirche, Menschen unterschiedlicher Überzeugung zusammenzuhalten. Wenn das, was jeder könne, gut getan werde, und das Tun anderer wertgeschätzt würde, "dann kann der Glaube mehr ausstrahlen, dann geht es uns selbst auch besser".
Lütz sprach sich dafür aus, den Blick auf Gelingendes und offene Chancen zu richten. Das Papsttum in der katholischen Kirche etwa sei "noch nie so angesehen" gewesen. Johannes Paul II. erachtet der Leiter des Kölner Alexianer-Krankenhauses als einflussreichsten in der Kirchengeschichte, selbst Papst Innozenz III. im Mittelalter sei nur in Europa wichtig gewesen. "Über den Papst jammern meist nur ein paar Katholiken", so Lütz.
Chancen für die Kirche ergeben sich seiner Überzeugung nach aus dem spirituellen Hunger vieler zeitgenossen. Lütz wies als Beispiel auf "Nightfever", eine inzwischen zur Bewegung gewordene Anbetung im Stil der Gemeinschaft Emanuel. Dabei werde das Allerheiligste ausgesetzt und angestrahlt, Menschen würden in der Kirche Kerzen aufstellen und für ihre Anliegen beten, beichten und "taizé-artig" singen. In seinem Dorf in Deutschland finde dreimal im Jahr ein derartiges "Nightfever" statt, "und es kommen mitten in der Woche 400 Leute, obwohl wir normalerweise nur 250 Kirchenbesucher haben! Die Menschen wollen beten."
"Gesundheitsreligion" contra Christentum
Kritik übte der Erfolgsautor an der heute weit verbreiteten "Gesundheitsreligion". Viele glaubten nicht mehr an Gott, sondern an die Gesundheit. "Und alles, was man früher für den lieben Gott tat, Wallfahrten, Fasten usw., das tut man heute für die Gesundheit. Die Gesundheit wird sakralisiert, so als sei sie das einzig Gute im Leben", beklagte der Arzt. Wenn der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann werde der kranke und erst recht der unheilbar kranke und behinderte Mensch zum "Menschen zweiter oder dritter Klasse".
Schon bei Embryonen werde selektiert zwischen gesunden als den "eigentlichen Menschen" und Menschen mit Behinderungen. "Das ist das Gegenteil des christlichen Menschenbildes", nach dem der behinderte, kranke und leidende der eigentlich wichtige Mensch sei, erklärte Lütz. Der Arzt wandte sich aber auch gegen das Klischee des leidenden Menschen mit Behinderung. "Ein Behinderter kann manchmal erheblich lustiger und lustvoller leben als mancher 'Normopath', der als Buchhalter irgendwo Bleistifte spitzt."
"Lebenslust" - so ein weiterer Buchtitel - gehört für Lütz wesentlich zum Glauben dazu. Menschen, die nur noch auf Vorbeugung ausgerichtet seien und dann "gesund sterben", würden daran vorbeileben, warnte er. Anders als heute vielfach dargestellt sei die katholische Kirche keineswegs puritanisch und leibfeindlich, was auch historisch "nie gestimmt hat". Gerade das Barocke im Katholischen betrachte Lust nicht als etwas bloß Böses, sondern werte "die Fähigkeit des Menschen, lustig zu sein, und auch die Lust zum Schönen und Guten zu verspüren", als etwas Positives.