Sonntag 28. Mai 2017
20. Oktober 2015

Psychiater Bonelli rät Synode zu "klaren Idealen"

Wiener Psychotherapeut Bonelli im "Kathpress"-Interview: Bisherige kirchliche Haltung bei Ehe stabilisiert Familien - "Viele Paare geben zu früh auf"

Mut zu klaren Idealen bei Fragen der Ehe und Scheidung rät der Wiener Psychiater Raphael Bonelli der am Sonntag im Vatikan zu Ende gehenden Familiensynode. Mit ihrer bisherigen Ehelehre trage die Kirche wesentlich zur Stabilisierung von Familien bei, erklärte der Leiter des Instituts für Religiösität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP), das am Samstag in Stift Heiligenkreuz gemeinsam mit der Sigmund-Freud-Privatuniversität eine Fachtagung zu "Bindung und Familie" veranstaltet hat, im Interview mit "Kathpress".

Es sei eine Chance der Kirche, Ideale zu formulieren, die zwar kaum erreichbar seien, dem Einzelnen jedoch persönliche Entwicklung und Orientierung im Leben ermöglichten, erklärte Bonelli. Um diese zu finden, sollten die Synodenteilnehmer keine Angst vor unbequemen und unpopulären Forderungen haben, an denen sich manche auch "reiben", so seine Empfehlung. Religion müsse schließlich prophetisch sein und einen Kontrapunkt in der Gesellschaft setzen, "sonst schafft sie sich selbst ab".

Im Speziellen gelte dies auch bei der Ehelehre, bei der eine "kirchliche zweite Chance" in den Augen des Psychotherapeuten bloß Verunsicherung des Systems bewirken würde: "Der Vater oder die Mutter könnte dann ja jederzeit gehen und nochmals anfangen." Nur Verbindlichkeit könne in diesem Fall Lösungen schaffen, während Unverbindlichkeit dieselben verunmöglichen würde. Bonelli: "Man investiert auch lieber in ein gekauftes als in ein gemietetes Haus. Deshalb bedeutet die bisherige Haltung der Kirche eine Stabilisierung der Familie."

90 Prozent noch zu retten
Besonders lenkte der Experte den Blick auf die übersehenen "Verlierer" von Scheidungen: Meist die Kinder, oft aber auch einer der Partner, gehörten hier dazu, würde sich im "System Familie" doch jede Trennung bei allen Familienmitgliedern auswirken, so der systemische Therapeut. Um dies zu verhindern und eine in Krise geratene Ehe noch zu retten, werde eine Paartherapie oft als "letzte Chance" gesehen, und das laut Bonelli zurecht: 90 Prozent der Krisenpaare könnten auf diesem Weg bei gutem Willen beider wieder zusammengebracht werden, der Rest falle auf "pathologische Ausnahmen" wie etwa bei schweren psychischen Krankheiten.

In der Realität würden jedoch viele Paare "viel zu früh aufgeben", so die Einschätzung des Experten. Meist liege das Problem in einer zu passiven Haltung nach dem Grundsatz "Gibt mir das noch was?" - statt der Frage "Was kann ich verbessern?" Häufig sei jedoch auch der Fall, dass einer von beiden nichts mehr wolle, da er "nichts empfindet" oder eine Affäre begonnen habe: "Das Wort 'Ehebruch' wird für mich immer plastischer: es wird mutwillig etwas zerbrochen. Hier würde ich die Familienpastoral ansetzen, hier ist hinreichend Thema für die Synodenväter."

Ideale fördern Treue
Eine "überwältigende Mehrheit" der Studien zur psychischen Gesundheit habe gezeigt, dass Religion dem Menschen gut tue, berichtete der Neurowissenschaftler. Besonders treffe dies bei "intrinsisch Motivierten" zu: "Bei jenen Menschen, die sich auf Religion als großes, das Leben prägendes Ganzes einließen, ohne nur Einzelteile aus ihr herauszupicken". Betreffenden Personen gelinge es leichter, über den eigenen Schatten zu springen - und laut Bonellis Erfahrung auch, "heroisch um ihre Ehe zu kämpfen". Scheidungen seien in dieser Gruppe deshalb außergewöhnlich selten.

Aus Anlass der Synode ist die kirchliche Position zu Ehe und Scheidung am Dienstagabend (23.10 Uhr) Thema einer "kreuz und quer"-Debatte in ORF2, bei der auch Bonelli teilnimmt. Die weiteren Diskutanten sind der Vatikan-Experte Marco Politi, der St. Pöltner Bischofsvikar Helmut Prader, der Grazer Theologe Gerhard Marschütz und die Sexualtherapeutin Elia Bragagna.

 

 

Quelle: kathpress

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