Assisi: Papstappell für Solidarität mit Bedürftigen
Papst Franziskus hat bei seinem Besuch in Assisi die Kirche aufgefordert, auf ein "geistlich" verbrämtes Prestigedenken zu verzichten und sich den Ärmsten und den Flüchtlingen zuwenden: "Wir müssen den Weg der Armut einschlagen", was nicht Elend bedeute - das energisch bekämpft werden müsse -, sondern Solidarität mit den Bedürftigen, sagte er am Freitagmorgen im sogenannten "Saal der Entkleidung" (Sala della Spogliazione) im alten Bischofshaus. Der Saal ist jene Stätte, wo der heilige Franz von Assisi demonstrativ seine Kleider abgelegt und auf sein bis dahin mondänes Leben verzichtet hatte.
Ein Christ dürfe nicht gleichgültig sein, wenn Armut herrsche, wenn Kinder vor Hunger sterben, oder wenn Menschen auf der Flucht vor Sklaverei auf dem Weg in die Freiheit umkämen, sagte der Papst. Ein Christ könne nicht wegschauen, wenn Menschen auf der Flucht Schiffbruch erlitten - wie bei dem schrecklichen Seeunglück am Vortag vor der Insel Lampedusa mit 300 Toten -, hob Franziskus hervor. "Heute ist ein Tag der Trauer", sagte er.
Der Nachfolger Jesu könne nicht nach dem "Geist der Welt" leben, betonte der Papst in seiner kurzen Ansprache, er dürfe nicht dem Macht- und Geltungsstreben folgen. Ein weltmännischer Geist stehe dem Geist der Seligpreisung entgegen. "Die 'geistliche Mondänität' tötet die Seelen, tötet die Kirche", hob er hervor. Sie sei wie "Lepra, wie ein Krebsgeschwür". Die Kirche müsse alle Aktivitäten unterlassen, die nicht für Gott und von Gott seien. Sie müsse die Angst loswerden, Tore zu öffnen und den Ärmsten, den Bedürftigen den Fernen und Menschen ohne Perspektiven zu begegnen.
Der Verzicht auf Irdisches bedeute freilich nicht, sich in der Welt zu verlieren, sondern Christus nachzufolgen, betonte der Papst laut dem vorbereiteten Redetext. Ein solcher Verzicht bedeute aber auch, sich nicht nur auf die Sicherheit von Strukturen zu stützen. Natürlich seien solche Strukturen notwendig und wichtig, aber sie dürften nicht verdunkeln, dass Gott die einzige echte Kraft ist, die den Menschen trage.
Appell zu Frieden im Nahen Osten
Bei der anschließenden Messe vor der Basilika San Francesco wandte sich der Papst auch an die Politiker und mahnte zum Frieden. "Mögen die bewaffneten Konflikte aufhören, die die Erde mit Blut tränken; mögen die Waffen schweigen und überall Hass der Liebe weichen", sagte er. Mit Nachdruck verwies er in Anwesenheit des italienischen Ministerpräsidenten Enrico Letta auf die Konflikte im Nahen Osten, im Heiligen Land und in Syrien. "Hören wir den Schrei derer, die weinen, leiden und sterben aufgrund von Gewalt, Terrorismus oder Krieg". An die Stelle von Beleidigung müsse Vergebung und an die Stelle von Zwietracht müsse Einheit treten.
Der heilige Franziskus sei ein Mensch der Harmonie und des Friedens gewesen, von der Liebe zu den Armen bestimmt, unterstrich der Papst vor mehreren Zehntausend Gottesdienstbesuchern. Der franziskanische Friede sei keine Gefühlsduselei und auch "keine Art pantheistischer Harmonie mit den Energien des Kosmos", hob der Papst hervor. Vielmehr sei der Friede des heiligen Franziskus der Friede Christi, den nur finde, wer Christus nachfolge. Dazu gelange man nicht mit Arroganz, Überheblichkeit oder Hochmut, sondern nur mit Güte und Demut des Herzens.
Franziskus feierte die Messe an jener Stätte, zu der seine Vorgänger Johannes Paul II. 1986 und Benedikt XVI. 2011 zu interreligiösen Friedenstreffen eingeladen hatten. Vor dem Gottesdienst besuchte er die mittelalterliche Basilika. In der Oberkirche besichtigte er die berühmten Fresken mit Szenen aus dem Leben des Ordensgründers; in der Krypta betete er still an dessen Grab.
Der Heilige von Assisi sei für die Achtung gegenüber der Schöpfung eingetreten, die der Mensch bewahren und schützen müsse, sagte der Papst weiter in seiner Predigt. "Achten wir die Schöpfung, seien wir nicht Werkzeuge der Zerstörung". Vor allem habe er aber die Achtung und die Liebe gegenüber jedem Menschen gelebt. "Gott hat die Welt erschaffen, damit sie ein Ort des Wachsens in Harmonie und Frieden sei."
Quelle: Kathpress