
"Psalmodische Sprechversuche": Lyriker Kolbe in Wien
Wenn das Wort "Gott" in zeitgenössischer Literatur oder Lyrik aufscheint, so meist als nicht weiter definierter Platzhalter, als Leerstelle oder Chiffre für das Transzendente überhaupt. Vielfältige Ausformungen dieser Präsenz von Religion in der heutigen Literatur konnte man in den vergangenen Jahren bei Vorträgen und Gesprächen im Rahmen der inzwischen zur renommierten Institution avancierten "Wiener Poetikdozentur Literatur & Religion" nachvollziehen.
Einen Schritt weiter geht die vom Wiener Theologen Jan-Heiner Tück initiierte Poetikdozentur nun zum Auftakt ihres dritten Jahres: So wird am kommenden Dienstag, 9. April, der deutsche Lyriker Uwe Kolbe unter dem Titel "Das vermisste Antlitz" über Lyrik sprechen, die bewusst über sich selbst hinausgeht und mit der Anrede des ganz Anderen als "Du" auch die Suche nach dem verborgenen Angesicht Gottes zum Thema macht.
Die 2017 erschienene Gedichtsammlung "Psalmen" des ursprünglich agnostisch in der früheren DDR sozialisierten Kolbe könne ohne weiteres als "psalmodischer Sprechversuch" charakterisiert werden, so Initiator Tück gegenüber "Kathpress" - ein Ringen um Worte, das sich im poetischen Zwischenraum zwischen dem klassischen Gottvertrauen der Psalmen Israels und der modernen Gottesskepsis bewege. Kolbe greife nicht zufällig auf die literarische Form der Psalmen zurück, welche menschliches Erleben in all seinen Facetten vor Gott bringen und dabei das ganze Ausdrucksregister von Fluch und Klage über Bitte und Dank bis hin zu emphatischem Lobpreis aufbiete.
Das Lied ohne Gott sei tonlos, heißt es bei Kolbe, der damit auch kritisch auf seine frühere Lyrik zurückblickt. In den Psalmen scheut er sich nicht, Gott als "Du", als "großes Gegenüber" anzusprechen: "Was zuvor als poetischer Raum zwischen den Zeilen in den Gedichten Kolbes vorhanden war - der verschwiegene Gott - das bricht nun in den Zeilen selbst durch und führt zu bemerkenswerten Selbstvergewisserungen im Angesicht des Gegenübers", so Tück.
Dieser "Durchbruch ins Dialogische", in die lyrische Anrede Gottes sei durchaus eine Art Alleinstellungsmerkmal der Psalmen Kolbes, wies Tück hin - wobei der Autor bei all dem "immer ein Suchender bleibt, der nicht einfach zu einem 'frommen Dichter' wird, der die Gottesvokabel allzu leichtzüngig gebraucht". Von Autorinnen und Autoren wie Rose Ausländer, Paul Celan oder Nelly Sachs, die ebenfalls auf die Form der Psalmen zurückgegriffen hätten, unterscheide sich Kolbe indes dadurch, dass bei ihm die Last der Vergangenheit und die sich damit stellende Theodizeefrage weniger eine Rolle spielten als persönlich gehaltene Suchbewegungen, die allerdings auch sperrige Themen wie Rache und Opfer umkreisen.
Etliche Literaturgrößen zu Gast
Der Vortrag von Uwe Kolbe findet unter dem Titel "Das vermisste Antlitz. Fragen an das zeitgenössische deutschsprachige Gedicht" am Dienstag, 9. April, an der Universität Wien statt (Hörsaal 50, Hauptgebäude, Beginn: 18.30 Uhr). Fortgesetzt wird die Poetikdozentur dann am 21. Mai mit einem Vortrag des sowohl als Schriftsteller als auch feuilletonistisch-wissenschaftlich arbeitenden Autors Hanns-Josef Ortheil zum Thema "Ideen zu einer Biografie des Glaubens".
Seit Beginn der Wiener Poetikdozentur hielten deutschsprachige Literaturgrößen wie Sibylle Lewitscharoff, Michael Köhlmeier, Thomas Hürlimann, Nora Gomringer, Alois Brandstetter und Barbara Frischmuth Vorlesungen an der Theologischen Fakultät. Ziel ist es nach den Worten Tücks, Literatur und Theologie neu aneinander heranzuführen und in ein Gespräch zu bringen, da ihnen dieselben Grunderfahrungen zu eigen seien: Literarische wie religiöse Texte würden die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung aufnehmen und reflektieren.
Inzwischen sind bei Herder mehrere von Tück herausgegebene Sammelbände zur Poetikdozentur erschienen, zuletzt 2018 unter dem Titel "Feuerschlag des Himmels. Gespräche im Zwischenraum von Literatur und Religion". Die für die Reihe verantwortlichen Theologen Tück und Tobias Mayer bieten im Sommersemester 2019 selbst das Forschungsseminar "Schiffbruch und Planke" an, das die Schifffahrt als literarisch vielfach genutztes Symbol für die Reise des Lebens analysiert. Der an Hugo Rahner angelehnte Untertitel: "Odysseus am Mastbaum bei den Kirchenvätern, Dante und James Joyce". (Info: www.poetikdozentur.at)
Quelle: kathpress