
Mauthausen-Gedenken: Scheuer warnt vor Verachtung der "anderen"
Der Linzer Bischof Manfred Scheuer hat bei der internationalen Gedenkfeier zur Befreiung des ehemaligen Konzentrationslagers (KZ) Mauthausen vor Verachtung von Menschen, die "anders" sind, gewarnt. Dieses Prinzip sowie die Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod stehe oft an der Wurzel von Terror und Barbarei, sagte Scheuer am Sonntagmorgen bei einem ökumenischen Gottesdienst in der oberösterreichischen KZ-Gedenkstätte, mit dem das Gedenken zum 74. Jahrestag der Befreiung des Lagers ihren Auftakt nahm. An dem Gottesdienst nahmen auch der evangelische Bischof Michael Bünker und der orthodoxe Erzpriester Ioannis Nikolitsis teil.
Der Nationalsozialismus habe Behinderte und Zigeuner, politische Gegner, wie auch jüdische Traditionen und generell die "anderen" verachtet und sich dabei u.a. der Wissenschaften, der Medizin, der Ökonomie und sogar der Religion bedient, erinnerte Scheuer. Damals habe man "lebenswertes und lebensunwertes" Leben definiert und selektiert, und es habe eine ökonomische Kosten-Nutzen-Rechnung im Hinblick auf die Ermordung Behinderter gegeben. "Verachtung signalisiert: Du bist für mich überflüssig, reiner Abfall und Müll, den es verwerten und dann zu entsorgen gilt, eine Null, ein Kostenfaktor, den wir uns nicht mehr leisten wollen", verdeutlichte der Bischof.
So erst seien die Morde von Mauthausen, Gusen und Hartheim möglich geworden - als letztes Glied und Auswirkung einer auf dem Sozialdarwinismus beruhenden Ideologie, die Menschen nach Nützlichkeit bewertet, wie Scheuer hervorhob. Man habe Millionen von Menschen - vor allem Schwache und Behinderte - einfach das Lebensrecht und den Lebenswert aberkannt, für sie als "Parasiten" nur den Gnadentod als Ausweg gesehen. Dass es "besser, kostengünstiger wäre, wenn sie nicht geboren worden wären", habe gerade für Kinder gegolten. So seien die Ehrfurcht vor dem Leben, Barmherzigkeit und das Mitleid "Untugenden der Lebensverneinung" gewesen, hingegen Selbstbehauptung, Selbstdurchsetzung und das Recht des Stärkeren "absolute Werte".
Mensch nicht als Nummer behandeln
Scheuer sprach in seiner Predigt auch das diesjährige Motto der Gedenkfeierns "Niemals Nummer. Immer Mensch" an, das auf die Praxis im ehemaligen KZ, Häftlinge auf eine Nummer zu reduzieren, verweist. Die SS habe den Gefangenen alles genommen, was noch an ihr bürgerliches Leben erinnerte - persönliche Gegenstände und das individuelle Aussehen, besonders aber den Namen, statt dessen Nummern zugeteilt wurden. "Die Nummer war der vollständige Ersatz der individuellen Persönlichkeit. Sie diente zur Entmenschlichung", verwies Scheuer auf Augenzeugenberichte aus dem KZ. Mit dem Namen habe man auch die Unverwechselbarkeit der Menschen auslöschen wollen.
Auch vor diesem Hintergrund gäben gegenwärtige Tendenzen Anlass zur Sorge, befand der Linzer Bischof: Durch eine "Zifferninflation" der Nummern und Buchstabenkombinationen gerate heute die Ethik ins Hintertreffen. "Was wichtig ist, wird erschlossen über Kennziffern, Benchmarks und Rankings, nicht über die Sprache, auch nicht über Bilder." Statt nüchternen Realismus bewirke diese auch von den Medien verstärkte Praxis jedoch eine "Verarmung im Verhältnis zu anderen Menschen", zunehmende Sprachlosigkeit in Bereichen wie Begegnung, Liebe und Zärtlichkeit bis hin zum Glauben, somit in Summe "Realitätsverlust und Wirklichkeitsflucht".
Um den Opfer des Nationalsozialismus in rechter Weise zu gedenken und Solidarität zu zeigen, seien der bloße Vergleich der Zahlen der Ermordeten in den einzelnen KZ und Regimes der falsche Weg, denn: "Es können nur die Leichen gezählt werden, nicht aber die Personen." Wichtig sei vielmehr das Bemühen um ein "aufrichtiges Erkennen der Fakten" durch eine "Aufmerksamkeit, die kein Opfer auslässt" und das Erzählen der Leidensgeschichte auch der vielen namenlosen Patienten, die Hitlers Tötungsbefehl zum Opfer fielen. Scheuer forderte dafür eine "Sprache, die alle Opfer direkt im Hauptsatz nennt und keines in die Erwähnung der Nebensätze verbannt", konkret: "Jene, die zur Nummer, zum Kalkül, zur Funktion degradiert wurden, sollen beim Namen genannt werden."
Bei Gott, der jeden Menschen beim Namen rufe und ihm einen Namen gebe, gebe es kein Vergessen, seien doch für ihn "die Opfer nicht für immer besiegt und die Toten nicht tot", betonte der Bischof. Für diese Unverwechselbarkeit spreche auch jener Evangelientext, bei dem die Apostel nicht wagen, dem Auferstandenen die Frage "Wer bist du?" zu stellen. Scheuer: "Sie wussten es bereits. Es war nicht sein Aussehen, sein biometrisch vermessener Körper, seine Fingerabdrücke, seine DNA, die die Jünger zweifelsfrei erkennen ließ. Jesus tat Zeichen und Handlungen, die ihn eindeutig als den auswiesen, der er war."
Gefährdete Humanität
Erzpriester Ioannis Nikolitsis sagte in seiner Ansprache bei der Gedenkfeier, die Auferstehung Christi werde "gründlich missverstanden", halte man sie für ein nur einmaliges Geschehen und als Machtbeweis Gottes. Es gehe jedoch um die "Erlösung der ganzen Menschheit", sichtbar auch daran, dass der auferstandene Jesus die über seinen Tod verängstigten Jünger nicht alleine gelassen habe, sondern auf sie zugegangen sei und sie beim Namen angesprochen habe. "Bei ihm sind wir keine anonymen Nummern, sondern immer konkrete Gegenüber, Menschen mit Leib und Seele", verwies auch der orthodoxe Erzpriester auf das Gesamtthema der Gedenkfeier. Der christliche Glaube helfe dem Menschen dabei, aufmerksam mit einem "österlichen Blick" auf die Wunden der Mitmenschen zu sehen.
Der evangelische Bischof Michael Bünker erinnerte in seinen Eröffnungsworten zur Feier an Nazi-Wortschöpfungen wie den Begriff "Humanitätsduselei", welche es laut dem Thüringer Gauleiter Franz Sauckel abzulegen gelte. Tatsächlich hätten KZ-Überlebende ihre tragischen Erlebnisse später als ein "völliges Ausgestoßensein aus allen Bezirken des Menschlichen" beschrieben und angemahnt, man müsse vor allem "ein Mensch bleiben". Bünker: "Aber wie kann man das, wenn sich die Gesellschaft, die Machthaber, die Medien dazu entschlossen haben, jede Humanitätsduselei abzulegen?"
Auch heute stehe er immer "wieder erschrocken vor dem, was damals hier Wirklichkeit gewesen ist", bekannte der evangelische Bischof. Humanität sei weiterhin keineswegs eine gesicherte Selbstverständlichkeit. "Wie bleibt man ein Mensch, wenn man ausgegrenzt wird, zum Sündenbock gemacht, mit Vorurteilen punziert und anonym einer Gruppe zugerechnet, der man alles Unglück zuschreiben kann?" Auch die heutige Gesellschaft sei nicht gefeit von Unmenschlichkeit, der Verachtung anderer und davor, "an ihnen mit Achselzucken vorüber zu gehen und sie zu Nummern zu degradieren", denn: "Humanität fällt nicht vom Himmel. Sie muss erarbeitet, gebildet, erstritten, erkämpft werden." Sonst, so Bünker, drohe der Rückfall zur rohen Brutalität.
Größte Befreiungsfeier
An der jährlich veranstalteten Feier nahmen auch heuer wieder tausende Menschen aus dem In- und Ausland teil, darunter die letzten Überlebenden des KZ und zahlreiche Jugendliche. Sie gilt als die größte Gedenk- und Befreiungsfeier weltweit. Nach dem Gottesdienst stellten sich die Delegationen am ehemaligen Appellplatz auf, wo als Höhepunkt um 11 Uhr der "Mauthausen-Schwur" in verschiedenen Sprachen verlesen wurde. Als traditioneller Schlusspunkt war zu Mittag der gemeinsame Auszug aller Teilnehmer aus dem ehemaligen "Schutzhaftlager" vorgesehen.
Die Gedenk- und Befreiungsfeiern in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und an Orten der ehemaligen Außenlager werden seit 1946 von den Überlebenden bzw. deren Verbänden organisiert und durchgeführt. Als Nachfolgeorganisation der "Österreichischen Lagergemeinschaft Mauthausen" (ÖLM) hat das Mauthausen-Komitee Österreich diese Aufgabe übernommen. Seit 2006 wird versucht, durch ein jeweiliges Schwerpunktthema vor allem für junge Menschen Bezüge der NS-Zeit zur heutigen Erfahrungswelt zu schaffen.
Das Konzentrationslager Mauthausen galt laut MKÖ als das am meisten gefürchtete Lager im gesamten KZ-System, da es für viele Häftlinge die Ankunft in einem Todeslager bedeutete. Menschen mit dem Vermerk "RU - Rückkehr unerwünscht" im Häftlingsakt war von Anfang an der Tod bestimmt. Davor wurde aber noch die Arbeitskraft dieser Menschen ausgeschöpft. Die Steinbrüche prägten die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen, die dort inhaftiert waren.
Besonders berüchtigt war die Strafkompanie des Steinbruchs. Inhaftierte, die auf Anweisung der Gestapo oder der Lagerleitung getötet werden sollten, wurden dieser Strafkompanie zugeteilt und mussten den ganzen Tag lang etwa 50 Kilogramm schwere Granitsteine über die sogenannte "Todesstiege", die vom Steinbruch ins Lager führte, hinauftragen. Niemand überlebte die Zuweisung in die Strafkompanie, deshalb ist die "Todesstiege" eines der vielen Symbole der Unmenschlichkeit im KZ-System Mauthausen.
Website Mauthausen Komitee Österreich
Quelle: Kathpress