
Propst Stockinger kritisiert "Zwang zur Selbstoptimierung"
Der neue Propst des Chorherrenstiftes Herzogenburg Petrus Stockinger kritisiert den ständigen Zwang zur Selbstoptimierung der heutigen jüngeren Generation. Der Satz "Du kannst alles, wenn du willst" sei die größte Lüge unserer Zeit und verursache lediglich Überforderung, so der neue Propst des niederösterreichischen Stiftes in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Academia". Mit der Angst vor dem Scheitern hänge laut Stockinger auch eines der Hauptprobleme des Christentums zusammen, dass zu wenig vom Ideal des "Leben auf Gott hin" und dem "ewigen Leben nach dem Tod" gesprochen werde. Mottos, wie "Glaub an Gott, dann geht´s dir besser", bezeichnete er als "Moralgewäsch", aber nicht als Kernbotschaft des Christentums, "und nur der sind wir verpflichtet".
Seine Wahl zum Propst am 9. April bezeichnete Stockinger als "Riesenchance, Dinge zu gestalten". Seine Mitbrüder hätten gewusst "was sie sich mit mir zumuten", merkte Stockinger an, der auf Maximilian Fürnsinn folgt, der das Haus 40 Jahre lang geleitet hat und aus Altersgründen für eine Wiederwahl nicht mehr zur Verfügung stand. Seine Aufgabe sei es aber nicht, eine "Kursänderung" durchzuführen, sondern die Entscheidungen, die das Stift in einem zweijährigen Zukunftsprozess definiert hat, umzusetzen.
In seiner eigenen Ordenslaufbahn habe man ihm bereits früh sehr viel zugetraut und "immer interessante Aufgaben übergeben". Das gemeinsame Überlegen "wem man was zutraut, welche Ausbildung derjenige dafür braucht, oder wo Beratung von außen notwendig ist", bezeichnete Stockinger als Stärke am Leben des Klosters.
Kloster ist Heimat
Vom Chorherrenstiftes Herzogenburg solle in Zukunft ein "gewisses Heimatgefühl ausgehen", hoffte der neue Probst, der Klöster und Stifte als "Leuchttürme" bezeichnete, wo Gläubige neben einer geistigen Beheimatung auch eine Liturgie mit "kirchenmusikalischem Aufwand" finden. Menschen könnten dadurch spüren "da steht der Himmel offen, da gibt es Menschen, die leben für etwas ganz anderes als der Rest tut und es zählen auf einmal ganz andere Maßstäbe."
Das Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit gelte auch für das Klosterleben selbst, betonte Stockinger. Bei aller Brüderlichkeit sei das Kloster jedoch kein Familienersatz, genauso dürfe die Brüderlichkeit nicht zum Selbstzweck werden. Im Vordergrund stehe "die grundsätzliche Ausprägung der Mitbrüder", diese müsse klar sein und dann ergebe sich die Brüderlichkeit von selbst.
Dazu gehöre für ihn auch die Lebensform der Ehelosigkeit, das er selbst nicht als "Verbotsszenario" verstehe. Auch Nachwuchssorgen hätte das Stift deswegen keine, betonte der neue Propst, der im Mai diesen Jahres von Bischof Alois Schwarz im Rahmen eines Gottesdienstes die Amtsinsignien überreicht bekam: Ring, Mitra und Stab. Er ist der 69. Propst seit der Gründung von Stift Herzogenburg im Jahr 1112.
Stockinger bekleidete vor seiner Führungsverantwortung als Probst viele stiftsinterne Ämter, unter anderem leitete er den Tourismusbereich. Seit Frühjahr 2017 hatte er das Amt des Stiftsdechants, des Stellvertreters des Propstes, inne.
Dem Stift Herzogenburg gehören derzeit insgesamt 15 Mitbrüder an. Hauptaufgabe des Klosters ist die Pflege des gemeinsamen geistlichen Lebens der Mitbrüder sowie die Seelsorge in vielen Pfarren des Unteren Traisentals. (Infos: www.stift-herzogenburg.at)
Quelle: kathpress