
"Kirche in Not"-Studie: Christen im Nordirak sehen sich bedroht
Trotz der Vertreibung der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) aus dem Nordirak fühlen sich die Christen dort unsicher. Das geht aus einer am Dienstag in München und Wien veröffentlichten Studie des internationalen katholischen Hilfswerks "Kirche in Not" hervor, die auf mehreren Umfragen unter Christen in der Ninive-Ebene im vergangenen Jahr beruht. Demnach gaben 87 Prozent an, dass sie sich "spürbar" oder "deutlich" unsicher fühlen. Hauptgrund seien gewalttätige Übergriffe lokaler Milizen sowie die Angst vor einer Rückkehr der IS-Anhänger. Bei mehr als zwei Drittel der Befragten sei dies auch der Auslöser, weshalb sie daran dächten, wieder auszuwandern.
Konkret genannt worden seien Einschüchterungen, oft in Verbindung mit Geldforderungen, so "Kirche in Not" weiter. Diese gingen von Gruppierungen wie der "Shabak-Miliz" und der "Babylon-Brigade" aus. Sie hätten zum Sieg gegen den IS beigetragen, weshalb ihnen die irakische Regierung weitgehend Handlungsfreiheit gewähre. Neben dieser mangelhaften Sicherheitslage nennen dem Hilfswerk zufolge Christen auch die schlechte wirtschaftliche Entwicklung (70 Prozent), Korruption (51 Prozent) sowie religiöse Diskriminierung (39 Prozent) als Probleme.
Der Bericht stelle eine "klare und dringende Warnung" dar, erklärte der Leiter der Studie und Nahost-Referent von "Kirche in Not", Andrzej Halemba. "Ohne abgestimmte und sofortige politische Aktion werden die Christen in der Ninive-Ebene und Umgebung ausgelöscht werden", forderte er die internationale Staatengemeinschaft zum Handeln auf. "Die Christen haben das Gefühl, an einem Wendepunkt zu stehen, was die Möglichkeiten für Bleiben angeht", erklärte Halemba. Auf lokaler Ebene könne dies nicht allein bewältigt werden.
Neben Maßnahmen, um die Wirtschaft anzukurbeln, müssten Christen auch auf politischer Ebene dauerhaft vertreten sein, "um die Verteidigung ihrer grundlegenden Menschenrechte, insbesondere das Recht auf Gleichbehandlung als irakische Staatsbürger" zu gewährleisten, so der Nahost-Referent.
Die Ninive-Ebene war im Jahr 2014 vom IS okkupiert worden. Drei Jahre später wurde die Terrormiliz wieder vertrieben. Seitdem seien zwar 45 Prozent der christlichen Familien wieder in ihre alte Heimat zurückgekehrt, wenn auch teilweise nur mit einzelnen Mitgliedern, so "Kirche in Not"-Experte Halemba. Die bislang positive Entwicklung stehe nun auf dem Spiel. Ursprünglich waren laut dem Hilfswerk weit mehr als 100.000 Christen vor dem IS geflohen.
Quelle: kathpress