
Glettler: Kirche muss in säkularem Umfeld deutlicher kommunizieren
In einem zunehmend säkularen Umfeld ist die Kirche "herausgefordert, das Besondere der Frohbotschaft Jesu deutlicher zu kommunizieren". Das hat der Innsbrucker Diözesanbischof Hermann Glettler im Interview mit dem "MO - Magazin für Menschenrechte" (Ausgabe 65) der Hilfsorganisation "SOS-Mitmensch" gesagt. Er orte auch bei kirchlich Fernstehenden "eine erstaunliche Sehnsucht nach Sinn und Orientierung". Darin liege eine Chance für die Kirche in einer Gesellschaft, in der man von einer "christlichen Volkskirche" nicht mehr ausgehen könne, so Glettler.
In dieser veränderten religiösen und gesellschaftlichen Landschaft sei auch für die Kirche ein Umdenken notwendig, sagte Glettler. Sie müsse viel mehr "Salz und Licht sein". Auch Jesus war "extrem kritisch gegenüber dem sturen Beharren auf Traditionen, die ihre Sinnhaftigkeit verloren haben", wies der Innsbrucker Bischof hin.
In Österreich finde eine "kontinuierliche Verschiebung" in Bezug auf Religion statt, so Glettler. Durch Zuwanderung steige der Anteil der muslimischen Bevölkerung. "Unsere österreichische Gesellschaft wird damit weltanschaulich und religiös pluraler", das bedeute aber nicht, dass die Menschen, nur weil sie keiner Kirche angehörten, deshalb gleich Atheisten seien, zeigte sich der Innsbrucker Bischof überzeugt.
Warum sich immer mehr Menschen von der katholischen Kirche abwenden, habe zuerst demografische Ursachen. "In Orten, wo es vor zwei Jahrzehnten noch sehr große Volksschulklassen mit vielen christlichen Kindern gab, sind es jetzt oft nur ein paar wenige." Die generelle Tendenz, dass sich die Menschen immer weniger Organisation anschließen wollen, spiele auch eine Rolle, "das trifft ebenso Vereine, Parteien und andere Institutionen". Ebenso hätten auch "beschämende Skandale" eine "nachhaltige Vertrauenskrise" verursacht, erläuterte Glettler.
Kirche fragt nicht nach "Religionsausweis"
Die katholische Kirche beziehe aktiv Stellung, wenn sie ihre Angebote, ob Kindergärten, Schulen oder die Hilfseinrichtungen der Caritas allen Menschen zugänglich macht. "Da wird nicht nach dem Religionsausweis gefragt". Er selber habe als langjähriger Pfarrer in einem multikulturellen Hotspot in Graz immer versucht, Menschen zusammenzubringen. "Das geht nicht nur durch Reden, sondern durch Begegnungen", zeigte sich Glettler überzeugt.
Für ihn als Bischof mache es Sinn, sich immer wieder zu gesellschaftlichen Themen zu Wort zu melden, auch wenn er sich nicht als "Sprecher der Gesellschaft" sehe. Man müsse sich "der Wirklichkeit einer Welt stellen, wo es neben den sozialen Schieflagen und Konfliktherden vor allem eine wachsende Migration aufgrund der sich verschärfenden Klimakrise gibt", zeigte sich Glettler überzeugt. Es gehöre zum Auftrag Jesu, den Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, achtsam zu begegnen. In dieser Frage sei insbesondere Papst Franziskus "nicht an Klarheit zu übertreffen", so Glettler.
Klare Haltung gegen Rassismus
Eine klare Haltung gegen Rassismus gehöre zum Auftrag der katholischen Kirche und sei ihm ein "persönliches Anliegen". Wichtig sei in einer multireligiösen Gesellschaft, dass "jede Form von Respektlosigkeit gegenüber anderslautenden Überzeugungen" schädlich sei. "Das gilt für eine überzogene kirchliche Wichtigtuerei, aber auch für religionskritische Positionen, die genauso wenig vor Arroganz und ideologischer Verhärtung gefeit sind", so der Bischof.
Gerade in der jüngst geführten Sterbehilfe-Debatte habe er erlebt, dass einer kritischen, nicht liberalen Position "sehr schnell Unaufgeklärtheit vorgeworfen wird". Hier müssten alle wieder lernen, mehr zuzuhören, "wenn es uns gelingt, so manche Unsicherheit miteinander zu teilen, würden wir uns als Menschen näherkommen", zeigte sich Glettler überzeugt. Um diese Unsicherheit zu überwinden, gelte es, voneinander zu lernen, dafür müssten religiöse Gebräuche und Symbole in ihrer Vielfalt möglichst auch weiterhin Platz haben. Ihn irritiere hier der überzogene Eifer "selbst ernannter Aufklärer", Religionen möglichst aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen.
"Eine aufgeschlossene Vielfalt ist bereichernd", alle religiösen Profile und Bekenntnisse auf ein allgemeines Niveau "herunterzustutzen", sei für ihn ein kultureller Verlust. "Religion berührt viele existenzielle Lebensthemen, inspiriert und trägt daher das Gemeinwohl mit. Sie aus dem öffentlichen Raum zu verdrängen, wäre eine Verarmung der gesamten Gesellschaft", betonte Bischof Glettler.
Quelle: kathpress