
Arbeiterpriester: Missstände rufen nach neuem Sozialhirtenbrief
Der pensionierte Arbeiterpriester Franz Sieder aus Niederösterreich wünscht sich von den österreichischen Bischöfen einen neuen Sozialhirtenbrief. Einen solchen gab es zuletzt am 15. Mai 1990. Doch die soziale Situation habe sich in den vergangenen 32 Jahren sehr verändert, vieles in der Arbeitswelt nicht unbedingt zum Besseren, lautet die Einschätzung Sieders, der jahrzehntelang in der Betriebsseelsorge im Mostviertel tätig war. Die "Option für die Armen" sei auch heute in Österreich noch aktuell. Das teilte er im Interview zum Tag der Arbeit am 1. Mai mit der Kirchenzeitung "Der Sonntag" der Erzdiözese Wien mit (aktuelle Ausgabe). Ein Porträt über Sieder kann am Sonntag, 1. Mai in der Reihe "Lebenswege" auf "radio klassik Stephansdom" gehört werden (17.30 Uhr).
Vor 32 Jahren gab es noch kaum Leiharbeiter. "Ich war und bin oft in den Betrieben und sehe, dass Leiharbeit wie bezahlte Sklavenarbeit ist", schilderte er die Arbeitsbedingungen. Er kenne Betriebe, wo nur mehr Leiharbeiter aufgenommen werden. Die könne man jederzeit kündigen, sie sind "ziemlich rechtlos, und das wird in der Gesellschaft relativ wenig wahrgenommen".
Seine monatsweise Erfahrung als Akkordarbeiter sei ihm in der Seelsorge hilfreich, so Sieder. Der jahrzehntelang im Mostviertel tätig gewesene Betriebsseelsorger rief in Erinnerung, dass die "Option für die Armen" laut Hirtenbrief auch in einem "Wohlstandsland" wie Österreich gelte. Für ihn entspreche sie ganz klar der Intention Jesu, und seiner in den Evangelien belegten Grundhaltung. "Diese Option ist keine Erfindung sozialer Extremisten, sondern Beispiel und Auftrag Christi", schrieben damals die Bischöfe. Diese Option bedeute eine Entscheidung "zu besonderer Offenheit den Anliegen der Kleinen und Schwachen, den Leidenden und Weinenden, gegenüber denjenigen, die gedemütigt sind und am Rand der Gesellschaft leben müssen, damit ihnen geholfen wird, ihre Würde als Menschen und Kinder Gottes zu erlangen", wie die Bischöfe schrieben.
Menschen haben Vorrang
In den Sozial-Enzykliken ab Papst Johannes XXIII. werde immer wieder erinnert, dass die Arbeit mit Menschen verbunden ist und immer Vorrang haben soll vor dem Kapital, welches nur instrumentellen Charakter habe. Folglich sollen Arbeitnehmenden-Vertretungen über die Wirtschaft bestimmen, nicht Kapitaleigentümerinnen und -eigentümer. "Dann gibt es auch menschlichere Arbeitsbedingungen", ergänzte Sieder aus. Er erinnerte an den Jakobusbrief, wo es heiße, dass die Vorenthaltung des gerechten Arbeitslohns zu den "himmelschreienden Sünden" gehört. Heute gehe es neben gerechten Löhnen und Inflationsanpassung auch um menschlichere Arbeitsbedingungen. Er kritisierte das vorherrschende "kapitalistische Wirtschaftssystem" scharf, "weil es in der Grundintention nur auf Profit aus ist und nicht der Mensch das Ziel ist". Weltweit funktioniere dieses System.
Doch "Gerechtigkeit ist in Strukturen gegossene Liebe", betonte Sieder. Für ihn hänge Gerechtigkeit immer mit den Strukturen zusammen. Auch Papst Franziskus mahne immer die Gerechtigkeit ein, er plädiere dafür, gerechte Strukturen weltweit zu schaffen. Jede und jeder sei aufgerufen, an einer gerechteren und friedlicheren Welt mitzuwirken, etwa durch kritische Beurteilung der Welt. Sieder selbst kritisiert an der heutigen Kirche, dass sie "zu einer bloßen Versorgungskirche geworden ist", mit Gottesdiensten und Sakramenten. Dabei fehle die Sorge um jene, die nicht mehr in die Kirche kommen.
Das Reich Gottes müsse nach Kardinal Walter Kasper immer auf dem Hintergrund der großen Menschheitsfragen gedeutet werden: jene nach Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und einem menschenwürdigen Leben für alle Menschen. Sieder bekräftigte, das müsse das wesentliche Ziel der Pastoral sein. "Leider ist unsere Seelsorge in der Realität oft sehr eingeschränkt auf diese bloße Versorgungskirche." Die Befreiungstheologie gehe vom Leben aus und sei hundertprozentig parteiisch für die Schwachen und Armen der Gesellschaft. "Wenn ich vom Leben ausgehe und ungerechte Situationen in der Arbeitswelt sehe, dann wird das hochpolitisch. Wir dürfen nicht nur Gerechtigkeit predigen und verkünden, wir müssen auch die Ungerechtigkeiten in allen Bereichen unseres Lebens benennen", unterstrich er.
Glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums
"Franz Sieder ist für mich ein glaubwürdiger Zeuge des Evangeliums. Er verkündet und lebt überzeugend die Botschaft Jesu": Das schreibt Kardinal Christoph Schönborn in seinem Vorwort zu dem Buch "Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden", das Predigten und Reden von Kaplan Franz Sieder beinhaltet. Sieder, bald 85 Jahre alt, war und ist u. a. in der Friedensbewegung, bei Pax Christi, der Arbeitsgemeinschaft Christentum und Sozialdemokratie (ACUS) und bei der Katholischen ArbeiternehmerInnenbewegung (KAB) aktiv.
Heuer im Frühjahr erschienen zwei Bücher über das Wirken des Betriebsseelsorgers. "Franz Sieder. Das Glaubensbekenntnis eines roten Arbeiterpriesters" ist im Zeuys-Verlag erschienen und dort um 18 Euro erhältlich (https://zeuys.com). "Predigten und Reden von Kaplan Franz Sieder. Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden", von Pax Christi Wien, Alois Reisenbichler und Peter Jünnemann, mit einem Vorwort von Kardinal Christoph Schönborn, ist im Guernica-Verlag erschienen und unter office@giernica-verlag.at, Tel. 0664 1540742 erhältlich (9,50 Euro).
Quelle: kathpress