
Zulehner: Synodalisierung kann gefährdete Demokratien stärken
Eine christliche Kirche kann, "wenn sie wird, was sie ist, nämlich synodal", die heute in vielen Ländern gefährdeten Demokratien stärken. Darauf hat der Wiener Theologe Paul Zulehner am Dienstag in einem Blog-Eintrag hingewiesen. Vor dem Hintergrund, dass sich angesichts vieler Krisen und Bedrohungen "Kulturen der Angst" ausbreiten, die von nationalistischen Populisten bewirtschaftet werden, ermutigte Zulehner zu einem Perspektivenwechsel: Auch wenn es zutreffe, dass nicht viele "demokratiegeübte" Christen Anstoß an einer innerkirchlichen, "autoritär-klerikalen Behandlung" nehmen, könnten die Kirchen als Fortführung der Bewegung, die Jesus in die Welt brachte, den Demokratien "Himmelgeschenke" machen.
Zulehner berief sich auf grundlegende Überzeugungen des christlichen Menschen- und Weltbildes, die in einer synodal verfassten Kirche unverstellt wirksam sein könnten - etwa auf die im Schöpfergott begründete gleiche Würde aller Menschen: Diskriminierungen seien überwunden, würde der berühmte Satz aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus - "Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie, Männer und Frauen. Ihr seid eins geworden in Christus" (Gal 3,28) - politisch umgesetzt. Weiter nannte der Theologe die Lehre großer Denker von Aristoteles über Bonaventura bis herauf zu Ken Wilber, wonach es "nur die Eine Welt und die Eine Menschheit" gebe, aus der sich auch eine universelle Solidarität als Maßstab für gemeinwohlorientiertes politisches Handeln ergebe.
Und: Die von Gott den Menschen anvertraute Schöpfung verlange nach einem "pflegend-kultivierenden Umgang mit der Natur" und zur Versöhnung von Ökologie und Ökonomie. Religion ist nach Zulehners Überzeugung auch ein Hort von Hoffnung und Zuversicht, mit der den heutigen entsolidarisierenden Ängsten begegnet werden könne.
All dies könnte der Demokratie von heute Unterstützung geben, schrieb Zulehner. Um diese stehe es heute nicht gut - auch in Europa. "Kaum noch ein Land, das - von den Diktatoren abgesehen - nicht seine Populist:innen hat, die ihr Land nationalistisch '#first' positionieren", beklagte der Theologe. Damit würden auch liberale Demokratien zunehmend in "illiberale" mutieren, wie es "der Wortführer dieser Entwicklung, Viktor Orban", genannt habe.
Kirche darf Blick auf Welt nicht verlieren
Die - innerkirchliche - Perspektive auf eine Demokratisierung der Kirche greift laut Zulehner zu kurz. Auf die Welt von heute dürfe nicht vergessen werden. Für ihn sei es geradezu ein "Alptraum", eine runderneuerte katholische Kirche umgeben zu sehen von einem atomaren Gau, einem kollabierenden Klima und von Armen, die von der herrschenden Ungerechtigkeit getötet werden, so Zulehner.
Die Kirche selbst sei keine Demokratie, hielt er fest: Sie sei Gottes Volk mit Jesus als ihrem Herrn, somit eine Theokratie oder eine "Kyriokratie", wie es der Innsbrucker Theologe Christian Bauer genannt habe. Und Zulehner fügte hinzu: "Hierarchisch ist kein Herrschafts-, sondern ein Herkunftsbegriff. Aus der Ordination der Einen kann keine Subordination der Anderen abgeleitet werden."
Aber: Die Jesusbewegung und damit die christlichen Kirchen kümmern sich nach den Worten Zulehners um die "polis", die Stadt, und seien daher "politisch". Das mache sie nicht zu Parteien, aber "politisch parteilich". Die Kirchen sollen die Politik in schwierigen Zeiten an ihr Kerngeschäft erinnern - nämlich sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. (Link: https://zulehner.wordpress.com)
Quelle: kathpress