
Wien: Nächste Poetikdozentur mit "Annäherungen an das Unsagbare"
Die deutsche Schriftstellerin Ulrike Draesner setzt im Sommersemester die von der Katholisch-Theologischen Fakultät veranstaltete "Poetikdozentur Literatur und Religion" an der Universität Wien fort. Die vielfach ausgezeichnete Autorin wurde für ihren jüngsten Roman "Die Verwandelten" gerade für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. An der Uni Wien spricht Draesner am Montag, 8. Mai, über "Das Zumzum. Sechs Annäherungen an das Unsagbare" (19 Uhr, Hörsaal 6, Hauptgebäude). Dabei werde sie sich dem Verhältnis von Literatur und Transzendenz ebenso widmen wie der Übersetzbarkeit von Tabus und Schmerzen in Sprache oder der Frage "Gibt es in ihr eine Dynamik, die sich auf ein großes Gegenüber, auf eine absolute Instanz, auf Gott richtet?", wie es in der Ankündigung vom Dienstag hieß.
Ulrike Draesner wurde 1962 in München geboren, arbeitete nach dem Studium zunächst wissenschaftlich als Germanistin und wechselte 1993 als Literatin die Seiten - ohne je von der Reflexion über das kreative Schreiben Abstand zu nehmen. Draesner verfasst in erster Linie Lyrik und Prosa und arbeitet häufig zusammen mit bildenden Künstlern und Schriftstellerkollegen an sogenannten "intermedialen" Projekten. Die Schriftstellerin gilt als eine der vielseitigsten Stimmen in der deutschsprachigen Literaturlandschaft, jüngere Werke von ihr wie das Langgedicht "Doggerland" oder der Roman "Kanalschwimmer" wurden ausgezeichnet.
Ihre Frankfurter Poetikvorlesungen von 2016/17 publizierte Draesner unter dem Titel "Grammatik der Gespenster". Seit 2018 ist sie Professorin für Deutsche Literatur am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2021 erhielt sie den mit 50.000 Euro dotierten Großen Preis des Deutschen Literaturfonds. In ihrem aktuellen Roman "Die Verwandelten" (München 2023) erzählt Draesner insbesondere aus der weiblichen Perspektive von Krieg und Vertreibung, von Gewalterfahrung und Trauma. Damit gebe sie, so die Leipziger Jury, "den Frauen ihre Stimme zurück".
Brückenschlag zwischen Literatur und Theologie
Am 1. Juni setzt dann eine Wienerin - die Lyrikerin, Kindertheaterautorin, promovierte Philosophin und Komponistin Sophie Reyer - die Poetikdozentur fort.
Seit Beginn der Reihe im Sommersemester 2016 hielten viele deutschsprachige Literaturgrößen wie Sibylle Lewitscharoff, Michael Köhlmeier, Thomas Hürlimann, Nora Gomringer, Alois Brandstetter und Barbara Frischmuth Vorlesungen an der Theologischen Fakultät. Ziel ist es nach den Worten des Initiators, des Dogmatikprofessors Jan-Heiner Tück, Literatur und Theologie neu aneinander heranzuführen und in ein Gespräch zu bringen, da ihnen dieselben Grunderfahrungen zu eigen seien: Literarische wie religiöse Texte würden die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung aufnehmen und reflektieren.
Der mitverantwortliche Wiener Theologe Tobias Mayer sieht die Poetikdozentur auch als eine Herausforderung für die Gastlehrenden, von ihrem Schriftsteller-Sein zu erzählen. Die Reihe solle zudem Impulse für einen interdisziplinären Austausch über das Verhältnis von Religion und Literatur geben.
Zu den bisherigen Vorlesungen haben Tück und Mayer mehrere Sammelbände publiziert, zuletzt 2022 unter dem Titel "Das vermisste Antlitz. Suchbewegungen zwischen Poetik und Religion" im Herder-Verlag. Auf der Website des Instituts für Systematische Theologie und Ethik findet sich auch ein Link zum Archiv der bisherigen Poetikvorlesungen als Videoaufzeichnung und MP3-Audiodatei. (Infos: www.poetikdozentur.at)
Quelle: kathpress