
"Tag der Arbeit": Theologe für Neuformulierung von Sozialhirtenbrief
Im Vorfeld des "Tags der Arbeit" am 1. Mai, spricht sich der Wiener katholische Theologe Alexander Filipovic für eine Neuformulierung des Sozialhirtenbriefs der österreichischen Bischöfe aus. Das Schreiben aus dem Jahr 1990 ist mittlerweile 33 Jahre alt. Seitdem habe es eine starke Transformation der Gesellschaft und des Arbeitslebens gegeben. Er plädiere dafür, "die sozialen Fragen unserer Gesellschaft in Österreich zu thematisieren, und zwar aus der Perspektive der christlichen Sozialethik", sagte der Sozialethiker im Gespräch mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (aktuelle Ausgabe).
Die Herausforderungen, vor denen die ganze Gesellschaft stehe, etwa die ökologische Transformation der Wirtschaftswelt und auch der Arbeitswelt, machten es unbedingt nötig, vertieft darüber nachzudenken, "wie wir zusammenleben", so Filipovic. So werde der notwendige ökologische Wandel Kosten verursachen. Auch die Herausforderungen für das Bildungssystem seien enorm, ebenso wie die Aufgabe, ältere Menschen an die Arbeitsprozesse anzuschließen. "Da gibt es viele Probleme, die Fragen der Gerechtigkeit betreffen, und deswegen wäre ich für eine Neuformulierung", sagte der Theologe.
Es dürfe aber nicht beim Verfassen alleine bleiben, sondern müsse auch ein Konsultationsprozess nach sich ziehen: "Es nützt ja nichts, nur ein Papier zu schreiben und dann zu publizieren. Es ist hilfreicher, der Politik Hinweise zu geben, wie aus der Perspektive der christlichen Kirchen Arbeit, Soziales und Gesellschaft organisiert werden sollen".
Ebenso gehe es darum, einen gesellschaftlichen Prozess zu starten, "bei dem nicht nur Christinnen und Christen daran beteiligt sind, sondern alle, die in diesem Land wohnen". Die Fragen seien: "Wie wollen wir zusammenleben? Wer trägt die Kosten? Wie verteilen wir die Kosten der ökologischen Transformation? Wie organisieren wir Bildung?" Ebenso gehe es um die Digitalisierung von Arbeit und die Rolle, die dem Homeoffice künftig zukommen solle. Filipovic würde in einem neuen Sozialhirtenbrief auch das Stichwort der Synodalität aufnehmen. "Das heißt, dabei von der ganzen Kraft der Erfahrung der Christinnen und Christen und anderer Menschen zu profitieren."
In Österreich sei man in der positiven Lage, dass es genug Arbeit gebe und die Arbeitslosenquote sinke. Besonderes Anliegen christlicher Sozialethik sei es aber zu betonen, dass Arbeit mehr sei, als nur Lohnerwerb, so Filipovic. "Arbeit hat nicht nur die Funktion, Wertschöpfung für die Gesellschaft zu sein, sondern sie ist für die individuellen Personen immer auch Mittel für die Integration in die Gesellschaft". Zu arbeiten bedeute, man habe etwas beizutragen und spiele eine Rolle in der Gesellschaft. "Deswegen ist jede Arbeitslosigkeit, so klein die Quote auch sein mag, nicht gut und muss bekämpft werden."
Gleichzeitig sei in manchen Bereichen der Wirtschaft bereits ein Arbeitskräftemangel zu beobachten. "Wir haben zu wenig Wohnbevölkerung im Bereich zwischen 25 und 65 Jahren, diese Zahl wird bis 2050 noch kleiner werden." Gerade beim Fachkräftemangel gelte es deshalb aufpassen, "dass wir durch Bildung und Zuzug tatsächlich genug Menschen haben, die die anfallende Arbeit auch machen", so Filipovic.
Quelle: kathpress