
Mauthausen-Gedenken: Kirchenvertreter rufen zu Zivilcourage auf
Kirchenvertreter haben bei einem Ökumenischen Gottesdienst im Rahmen der Internationalen Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen am Sonntag zu mehr Zivilcourage aufgerufen. "Zivilcourage ist Widerstand gegen jede Form der Diskriminierung", betonte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka in seiner Predigt. "Vernichtungsphantasien beginnen mit Diskriminierung: Wenn sich eine Gruppe über die andere stellt. Wenn Fremde mit abwertenden Bezeichnungen belegt werden. Wenn ihnen Gleichwertigkeit und Menschlichkeit angesprochen werden und sich die vermeintlich Überlegenen in den eigenen Vorurteilen suhlen. Es beginnt mit der Abwertung, dem Hohn und dem Spott und endet mit dem Befehl zu töten", warnte der Bischof.
An dem Ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der Gedenkstätte nahmen außerdem der Linzer Bischof Manfred Scheuer und der orthodoxe Erzpriester Ioannis Nikolitsis teil. Stellvertretend für die vielen Opfer wurde bei dem Gottesdienst in besonderer Weise an drei Einzelschicksale erinnert. Der Gottesdienst ging der anschließenden Internationalen Befreiungsfeier im Gedenken an die Befreiung des Lagers vor 78 Jahren voraus. Die Befreiungsfeiern, die vom Mauthausen-Komitee Österreich (MKÖ) organisiert bzw. koordiniert werden, standen in diesem Jahr unter dem Motto "Zivilcourage".
In Mauthausen war jede Form religiösen Ausdrucks verboten, galt als Widerstand und als ein Grund, ermordet zu werden. "Es durfte kein Anzeichen einer religiösen Hoffnung geben. In dieser Strenge stach Mauthausen selbst unter all den anderen Konzentrationslagern noch hervor", erinnerte Bischof Chalupka. Dennoch riskierten immer wieder Häftlinge, ihren Glauben zu zeigen und damit auch anderen Trost zu geben. Als Beispiel nannte Chalupka den Italiener Jacopo Lombardini, als Methodist Seelsorger, Schriftsteller und Lehrer am Gymnasium der evangelischen Waldenserkirche in Torre Pellice nahe Turin.
Sein Glaube und der Respekt vor dem Leben haben ihn in den Widerstand getrieben, so der Bischof: "Lombardini nahm selbst keine Waffe in die Hand, unterstütze aber den Widerstand. Dass es dazu keine Waffe braucht, hat er hier im Konzentrationslager gezeigt. Überlebende berichteten, dass Lombardini, der selbst an Skorbut erkrankt und in den Block 7 des Lagerlazaretts überstellt war, dort den jüngsten Internierten Unterricht in Literatur, Poesie, Ethik und Politik gab und den italienischen Mitgefangenen, unabhängig von ihrer Konfession, Trost zusprach. Auch Seelsorge gehörte zum Widerstand." Wenige Tage vor der Befreiung, am 24. April 1945, wurde Lombardini ermordet.
Stellvertretend für die etwa 190.000 in Mauthausen inhaftierten Personen, von denen mindestens 90.000 ermordet wurden, wurde bei dem Gottesdienst auch an Cesare Lorenzi (1903-1945), Jean Conseil (1921-2009) und Marcel Callo (1921-1945) erinnert. Lorenzi wurde wegen Teilnahme an einem Streik italienischer Arbeit in Mailand 1944 verhaftet und nach Mauthausen verfrachtet. 17 Tage nach der Befreiung starb er dort an den Folgen der KZ-Haft. Seine Tochter Raffaella Lorenzi erfuhr erst 18 Jahre später, dass er in Mauthausen begraben ist.
Conseil schloss sich als Student in Amiens dem französischen Widerstand an. Nach seiner Verhaftung wurde er im April 1943 nach Mauthausen deportiert. Er überlebte die Torturen der Arbeitseinsätze im Steinbruch und im Nebenlager Steyr, nach Erfrierungen an einem musste er als Hilfspfleger auf der Krankenstation arbeiten. Er erlebte die Befreiung des Lagers und konnte in seine Heimat zurückkehren. Seine Tochter Joelle Conseil-Becker hat von ihm den Satz überliefert: "Vergessen, das ist nicht möglich, aber verzeihen schon."
Callo, geboren in Rennes, wurde stark durch die Katholische Arbeiterjugend geprägt, er setzte sich stark für die Würde und Rechte der Arbeiter ein. 1943 wurde er zur Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb in Deutschland verschleppt, 1944 von der Gestapo verhaftet, weil er "zu katholisch" war. Er wurde in das Konzentrationslager Flossenbürg und dann Mauthausen deportiert, wo er im Stollen in Gusen arbeiten musste. Durch die extremen Arbeits- und Lagerbedingungen gesundheitlich sehr geschwächt, kam er am 5. Jänner 1945 bereits todkrank in das Krankenrevier. Am 19. März 1945 starb Marcel Callo im Alter von 23 Jahren. 1987 wurde Marcel Callo seliggesprochen. 1998 weihte Bischof Maximilian Aichern die erste "Marcel Callo-Kirche" Österreichs im Linzer Stadtteil Auwiesen.
Bischof Chalupka sagte im Blick auf die Schicksale der Opfer: "Sie alle haben widerstanden, Zivilcourage gezeigt. Es ist wichtig, dass man sich an ihre Leben erinnert. An jedes einzelne. Damit die Auslöschung nicht nach dem Tode der Opfer weitergeht."
Auch MKV betont Bedeutung von Zivilcourage
Als eine "Verpflichtung für uns alle" hat der Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV) gelebte und geübte Zivilcourage bezeichnet. "Sich für andere einzusetzen, darf niemals ein Verbrechen sein, sondern muss ein Auftrag für uns alle sein", betonte MKV-Bundesjugendobmann Moritz Mittermann in einer Aussendung angesichts der Mauthausen-Befreiungsfeier am Sonntag. Es sei unvorstellbar, was die Menschen damals - u.a. auch viele MKVer - erleben mussten, so Mittermann unter Verweis auf die rund 700 katholischen Couleurstudenten, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden - mindestens 36 wurden ermordet. "Wir dürfen Ausgrenzung, Hass und vor allem Antisemitismus keinen Platz geben. Stattdessen sind wir alle angehalten, aufeinander zu schauen und Zivilcourage zu zeigen."
"Für uns katholische Couleurstudenten steht an diesem Tag Leopold Figl als Beispiel im Zentrum des Gedenkens", zitierte der MKV in der Presseaussendung außerdem seinen Vorsitzenden Thomas Weickenmeier. Figl war Mitglied in insgesamt 14 MKV-Verbindungen und wurde am 12. März 1938 von den Nationalsozialisten im KZ Dachau inhaftiert. 1943 wurde Figl freigelassen, jedoch 1944 erneut verhaftet und ins KZ Mauthausen gebracht. "Sein Handeln zeigt, dass es Menschen gibt, die trotz aller Drohungen und Gewalt bereit sind, ihr Leben für ihren Glauben und insbesondere für ihre Mitmenschen zu riskieren und sogar zu opfern", so Weickenmeier.
Der MKV nimmt seit über 40 Jahren jährlich an den Befreiungs- und Gedenkfeiern im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen teil.
Quelle: kathpress