
Theologe Körtner: "Computer beantworten keine Sinnfragen"
Der evangelische Theologe und Ethiker Ulrich Körtner ist überzeugt, dass künstlicher Intelligenz Grenzen gesetzt sind. "Menschliche Vernunft ist mehr als nur Denken und schließt auch den Körper mit ein", schreibt Körtner in einem Gastkommentar in der "Wiener Zeitung". Das Gehirn existiere nicht vom übrigen Körper isoliert, sondern bilde mit diesem eine organische Einheit. "Computer stellen und beantworten keine Sinnfragen - sie verstehen sie gar nicht", so der Ethiker.
So sei menschliche Vernunft mehr als "nur Denken", vielmehr schließe sie auch den Körper mit ein, so der Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. "Unsere Vernunft oder Intelligenz ist von unserem Körper gar nicht ablösbar", zeigte er sich überzeugt. "Bewusstsein und Denken sind auch keine auf dem Gehirn als Hardware hochgeladene Software."
"Wenn man den Propheten des Transhumanismus und der Künstlichen Intelligenz glauben möchte, könnte dem Homo sapiens seine Stunde schlagen", schreibt Körtner und stellt die pointierte Frage in den Raum: "Ist der Mensch ein Auslaufmodell?" Und weiter gefragt: Ließe sich der Mensch als denkendes, fühlendes und zur Verantwortung fähiges Wesen eines Tages durch Maschinen und KI ersetzen? "Dass Letztere viele Aufgaben übernehmen kann, die bisher von Menschen ausgeführt wurden, liegt auf der Hand", konstatiert der Theologe.
Allerdings setze Denken im gehaltvollen Sinne des Wortes ein Bewusstsein voraus und unterscheide sich fundamental von maschineller Datensammlung und Informationsverarbeitung. "Bewusstsein aber ist keine Eigenschaft von artifiziellen Systemen der Datenauswertung, sondern eine spezifische Eigenschaft von Lebewesen aus Fleisch und Blut." Das Erleben selbst sei nicht künstlich herstellbar, sondern allenfalls virtuell zu simulieren, so der Theologe.
Gehirn und Körper als komplexe Einheit
Körtner weist darauf hin, dass nicht das Gehirn alleine denke, "sondern wir denken mithilfe unseres Gehirns, das nicht vom übrigen Körper isoliert existiert, sondern mit diesem eine komplexe organische Einheit bildet". Darüber hinaus gebe es auch nicht nur das Gedächtnis im Gehirn, sondern ein Körpergedächtnis. Dieses äußere sich zum Beispiel in erlernten Körperbewegungen - etwa beim Radfahren, Tanzen oder Klavierspielen - und sei auch noch bei Menschen, die an Demenz leiden, weitgehend intakt.
Während Maschinen Algorithmen folgten, sei das Gehirn "vielmehr plastisch und verändert seine Struktur im Verlauf des Lebens und in Folge von Denkprozessen", so Körtner. "Programme von Künstlicher Intelligenz sind keine denkenden Personen, und Personen sind keine Programme der Informationsverarbeitung". Insofern liege schon dem Begriff "Künstliche Intelligenz" ein Missverständnis dessen, was Intelligenz ihrem Wesen nach ist, zugrunde.
Quelle: kathpress