
"Klimapater" Alt: Beten reicht bei Kampf gegen Erdüberhitzung nicht
Der "liebe Gott" hat nichts mit der Klimaerwärmung zu tun: Das hat der deutsche Jesuit und Sozialethiker Jörg Alt in einem Interview in der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" (Ausgabe 22. Juni) betont. "Wir haben das Problem angerichtet und wir müssen es lösen", so der als "Klimapater" bekannte Alt. Nur für eine bessere Welt zu beten, nannte der Jesuit wörtlich einen "Blödsinn", da das Problem, also die Überschreitung der planetaren Grenzen oder die Erdüberhitzung, menschengemacht sei. Zwar könne er nicht von allen verlangen, sich an solchen Protestformen zu beteiligen, es brauche aber individuelles Engagement oder Widerspruch gegen jene, "die auf die 'kriminellen' Klimakleber eindreschen, statt das Problem zu lösen".
Politisches Engagement sei etwas sehr Christliches, betonte der Jesuitenpater im Doppelinterview mit dem oberösterreichischen HTL-Maturanten Jonas Seyr, der sich als Klimaaktivist der "Letzten Generation" engagiert. Die aktuelle Situation sei jedoch so alarmierend, dass sich jeder Christ fragen müsse "Was tue ich im gesellschaftspolitischen Raum?".
Das "Klimakleben" auf Autostraßen mit Staus als Folge bezeichnete der Sozialwissenschaftler als "notwendigen symbolischen Akt", sich der Säumigkeit der Politik buchstäblich in den Weg zu stellen. Der Jesuit macht seit Monaten als Klimaaktivist Schlagzeilen, unterstützt die Straßenblockaden der "Letzten Generation" in Wort und Tat und riskierte dabei bereits Geld- und Gefängnisstrafen. Das Amtsgericht München verurteilte den Ordensmann am 16. Mai 2023 etwa zu einer Geldstrafe von zehn Tagessätzen.
Steuern auf Kipppunkte zu
Zwar setze sich Alt bereits seit Jahrzehnten für soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit ein, die "Fridays for Future"-Bewegung habe ihm aber deutlich gemacht, "wie ernst die Situation ist, wenn wir auf Klimakipppunkte zusteuern". Die Gesellschaft könne nicht so weitermachen, wie in den vergangenen 40 Jahren. Für Christinnen und Christen bedeute dies folglich, sich politisch zu engagieren.
Zum wichtigsten Klimaziel, die globale Erderwärmung bis 2100 unter 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, sagte Alt wörtlich: "Das 1,5-Grad-Ziel schaffen wir sowieso nicht mehr." Es sei aktuell realistischer mit Blick auf die Regierungen der Welt, dass die Welt 2,7 bis 3 Grad heißer werde. Alt stellte klar, dass es die Proteste nicht benötigen würde, wenn sich die Regierungen an ihre vertraglichen Verpflichtungen der Pariser Verträge, an die Klimagesetze und die Gerichtsurteile, halten würden. "Wir versuchen durch öffentliches Einmischen die Diskussion wieder dorthin zu bringen, wohin sie gehört, nämlich auf die Gefahr hinzuweisen, die auf uns zurollt", so der Jesuit im Interview.
In seinem aktivistischen Leben bezeichnete sich der Jesuit als von Gott begleitet. Auch in der aktuellen Klimakatastrophe habe er noch das Vertrauen, "dass der allwissende und allliebende Gott von Anfang an gewusst hat, wie dumm und träge der Mensch ist und dass er deswegen vielleicht doch noch irgendwo ein paar Sicherungen eingebaut hat, die uns helfen, gerade noch rechtzeitig die Kurve zu kriegen."
Quelle: kathpress