
Wien: Religionsspitzen trafen ORF-Generaldirektor Weißmann
Zu einem Gedankenaustausch sind Spitzen der Kirchen und Religionsgemeinschaften am Donnerstag mit ORF-Generaldirektor Roland Weißmann in Wien zusammengetroffen. Vonseiten der katholischen Kirche nahm Kardinal Christoph Schönborn, als in der Österreichischen Bischofskonferenz zuständiger "Medienbischof", an dem Treffen teil. Auch die designierte Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler war dabei. Ebenso wie die Vizepräsidentin der Katholischen Aktion Österreichs, Katharina Renner. Seitens der Bischofskonferenz war zudem deren Generalsekretär Peter Schipka und Medienreferent Paul Wuthe anwesend.
Im Zentrum des Austauschs stand die "zentrale Bedeutung" der Kirchen, Glaubens- und Religionsgemeinschaften in Österreich "angesichts der aktuellen sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen", teilte der ORF am Freitag in einer Aussendung mit. Sie bildeten in ihrer Diversität die österreichische Gesellschaft ab und würden "wesentlich zu einem friedvollen Zusammenleben aller Menschen in Österreich" beitragen.
Seitens des ORF wurde zudem die Bedeutung unabhängiger Religionsberichterstattung und deren Beitrag zu Verständigung und Zusammenhalt in der österreichischen Gesellschaft besonders hervorgehoben. "Unsere Gesellschaft braucht kritischen und unabhängigen Journalismus, um die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, gut zu meistern", zeigte sich ORF-Generaldirektor Roland Weißmann überzeugt. "Glaube und Religion spielen im Leben vieler Menschen in Österreich eine wichtige Rolle und nehmen daher im ORF einen großen Stellenwert ein", so Weißmann. Der ORF verfüge mit seinen 19 regelmäßigen Formaten in Radio, Fernsehen und mit religion.ORF.at über das größte Religionsangebot im Vergleich zu anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Europa.
Weiters konnte Generaldirektor Weißmann u.a. Michael Chalupka, Bischof der Evangelischen Kirche A.B., Maria Kubin, Bischöfin der Altkatholischen Kirche, Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, und in Vertretung von Gerhard Weißgrab, Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, deren Vizepräsident Erich Leopold, im ORF-Mediencampus begrüßen. Aus den ORF-Gremien nahmen an dem Gespräch Stiftungsrat Bernhard Tschrepitsch sowie die beiden Kirchenvertreter im Publikumsrat, Christoph Riedl (katholisch) und Martin Schenk (evangelisch) teil.
Schönborn: Dank für ORF-Religionsjournalismus
Kardinal Schönborn wies auf die Bedeutung und Verantwortung von Religionen im gesellschaftlichen Miteinander hin: "Religion berührt die wesentlichen Fragen des Lebens und die Tiefe der menschlichen Seele und kann daher gesellschaftliche Spannungen lindern oder anheizen", so der Erzbischof. Den Unterschied mache dabei aus, "ob wir von den anderen etwas wissen, ob wir ihre Vertreter kennen und schätzen gelernt haben, ob wir ihre Absichten einschätzen und Handlungen einordnen können". Es müsse Kenntnis und Begegnung geben, damit Vertrauen möglich sei.
Ein nüchterner Blick auf die Geschichte und die aktuelle Weltlage zeige eine Ambivalenz, so Schönborn. So hätten Religionen oft ein Konfliktpotenzial in sich, gleichzeitig böten sie aber auch ein Potenzial zur Lösung von Konflikten. Neben einer "Kultur der Begegnung und des Kennenlernens" sei vor allem eine "Kultur des Zuhörens" nötig. Dies sei sowohl für die Religionen als auch für das Wirken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks maßgeblich.
"In einer Zeit zunehmender Polarisierung braucht es daher mehr denn je seriösen, unaufgeregten Journalismus, nicht nur, aber gerade auch im Bereich der Religionen: breit rezipierte Berichterstattung, die objektiv informiert und nicht kampagnisiert", führte Schönborn aus. In der Arbeit der Religionsabteilung des ORF sei der Willen und das Bekenntnis zu dieser Art von Journalismus erfahrbar, hielt der Kardinal mit Dank dafür fest.
Gefragt nach aktuellen medialen Herausforderungen ging der Kardinal gegenüber ORF-Redakteuren auf die Problematik von massenweise verbreiteten Falschinformationen - "Fakenews" - ein. Die Antwort darauf könne nur Qualitätsjournalismus sein. Der ORF mache diesbezüglich "gute Arbeit"; er sei zudem an gesetzliche Vorgaben gebunden und stehe daher unter "öffentlicher Kontrolle".
Berichterstattung "kann und muss" kritisch sein
Auch der evangelische Bischof Chalupka und die altkatholische Bischöfin Kubin hoben den hohen Wert einer unabhängigen und transparenten Berichterstattung über Religionen hervor. Diese "kann und muss" auch kritisch sein, hielt Chalupka fest. "Unsere Kirche braucht einen kritischen und verlässlichen Partner, damit unsere Anliegen für die Verständigung und den Zusammenhalt der österreichischen Gesellschaft ein Forum haben, in dem sie präsentiert werden", zeigte sich auch Kubin überzeugt.
"Eine objektive und unabhängige Berichterstattung über die Religionsgesellschaften und deren Glaubenswelten sorgt für eine wichtige Vertrauensgrundlage, um Einblicke in diese zu gewähren und zu vermitteln", betonte Jaron Engelmayer, Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. "Die religiöse Vielfalt in friedlicher Koexistenz auf dem Fundament der gemeinsamen Grundwerte bereichert die Gesellschaft."
Ümit Vural, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), betonte, "die verlässliche, unabhängige und kritische Religionsberichterstattung des ORF spielt eine entscheidende Rolle in unserer Gesellschaft, die von Menschen mit unterschiedlichem religiösem und kulturellem Hintergrund geprägt ist". Dieser Ansatz trage maßgeblich dazu bei, Vorurteile und stereotype Ansichten zu vermeiden.
"Unbestritten erleben wir verstärkt komplexe Herausforderungen, in deren Zusammenhang Religionen eine nicht unerhebliche Rolle spielen", sagte der Vizepräsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft (ÖBR), Erich Leopold. Differenziertes Wissen über die Religionen sei aber eine Grundvoraussetzung für eine mündige und demokratische Gesellschaft "und hier hat der ORF eine sehr große Aufgabe und Verantwortung".
Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Barbara Krenn, Leiterin der ORF-Hauptabteilung "Religion und Ethik - multimedial", die u. a. einen Ausblick auf das 2023 gestartete multimediale Projekt "Was glaubt Österreich?" in Kooperation mit der Universität Wien gab. Am Ende des Projekts - Ende 2024 - soll eine vom Zukunftsfonds Österreich geförderte repräsentative Studie vorliegen, die Auskunft darüber gibt, was die Wert- und Glaubensvorstellungen der Menschen in Österreich angesichts der großen gesellschaftlichen Entwicklungen wie Säkularisierung, Pluralisierung und Digitalisierung charakterisiert. Die beiden Studienautorinnen Regina Polak und Astrid Mattes-Zippenfenig vom Forschungszentrum "Religion and Transformation in Contemporary Society" der Universität Wien berichteten über den bisherigen Stand und geplanten Studienaufbau.
Quelle: kathpress