
Theologe Treitler: An klassischer Christologie "klebt Blut"
Spätestens nach der Shoah und nach dem erneuten Aufflammen des auch christlich grundierten Antisemitismus dieser Tage braucht es einen christologischen Neuansatz für ein zeitgemäßes, nicht antijüdisch ausgelegtes Jesus-Verständnis im Christentum - denn an der klassischen Christologie "klebt Blut". Davon zeigt sich der Wiener Theologe Prof. Wolfgang Treitler in seinem neuen Buch "Jesus, Josefs Sohn" überzeugt. Es gehe ihm darin um eine "zeitgerechte Transfiguration des Messianischen", erläuterte Treitler im Gespräch mit Kathpress. Schließlich hätten die dogmatischen christologischen Lehrformeln immer wieder dazu beigetragen, das Volk Israel und die jüdische Identität Jesu als "abgetan und erledigt" hinzustellen und so letztlich antijüdischen Hass und Gewalt zu legitimieren.
Besonders prägende kirchliche Lehraussagen wie etwa jene Rede von Jesus als "Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott" vom Konzil von Nizäa (325) hätten schon früh zu einer Entfernung des Christentums von den jüdischen Quellen und auch vom Selbstverständnis Jesu als Jude geführt, führte Treitler aus. "Dass ein Jude als Gott deklariert wird, wäre jüdisch gesehen ein Selbstwiderspruch und wird deshalb von christlicher Seite als Widerspruch gegen das Judentum gewandt. Mit dem Gottmensch verneint das Christentum das Judentum grundsätzlich."
Jesus sei indes "kein Sieger" im Sinne des Davidischen Messias-Verständnisses gewesen (also eines Messias, der wie ein König auf Erden das Reich Gottes errichtet): "Wäre Jesus als Mensch Gott, so hätte er machtvoll die paradiesische Schöpfungsfreude wiederherstellen müssen und nicht an ihrer mörderischen Verzerrung scheitern dürfen." Entscheidend sei daher eine Neuinterpretation bzw. eine biblische Relecture des Verständnisses Jesu als "Messias aus dem Hause Josefs". Gemeint ist damit laut Treitler eine Verortung Jesu in der im Talmud verbürgten Variation des Messias-Narrativs aus dem Stamm Josefs. Dieser Messias nämlich siegt nicht, sondern er wird getötet, "und das gerade durch die Macht, die er hätte überwinden müssen, um Frieden zu schaffen."
Traditionen dieser "anderen" Form der Messias-Erzählung, die alle Rettung einzig Gott zuschreibt und nicht einem vergöttlichten Menschen, wie er häufig in klassischen Christologien auftrete, gebe es durchaus im neutestamentlichen Erbe, so Treitler unter Verweis etwa auf das Matthäusevangelium. Eine Wiederentdeckung dieser Form des Messianismus sei heute nötiger denn je, zeigte sich der Theologe überzeugt - schließlich zeige sich das Christentum in seiner aktuellen Form "weitgehend ausgezehrt, ans Ende gekommen und weithin bedeutungslos geworden" und "fast nichts mehr von seiner Rettungsbotschaft trägt". Die Wiederentdeckung der Rede von Jesus als dem "geschlagenen, getöteten Messias hingegen bleibt lebendig und kann dem Christentum ein neues Profil geben - bescheiden und lebensnah".
Wo dies gelinge, könne laut Treitler eine neue Kraft der Solidarität entstehen, die aus der Tragik des getöteten Messias ebenso hervorgeht wie aus der als "weithin gottverlassen erfahrenen Geschichte". Zudem lege dies den Blick auf Jesus als Juden neu frei - ohne jede christliche Überbietungsphantasien: "Jesus war Jude, lebte und starb als Jude und reichte mit nichts übers Judentum hinaus." Und schließlich könne dies auch wieder neu den grundlegenden Monotheismus freilegen, den Jesus selbst vorgelebt habe: "Und so muss auch das christliche Gebet allein an ebendiesem Gottbezug Jesu zum Gott Israels gemessen werden. Ein Gebet zu Jesus ist ebenso ausgeschlossen wie eines zu Maria oder sonst einer geschöpflichen Instanz."
(Buchhinweis: Wolfgang Treitler: "Jesus, Josefs Sohn. Der Messias als Tor des Bundes." Erschienen als Band 27 in der Reihe "Religion and Transformation in Contemporary European Society", Verlag Brill-Schöningh 2023)
Quelle: kathpress