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Seniorin mit Pflegerin im Pflegeheim
kathbild.at/Rupprecht

NGOs: Pflegebereich noch vor den Wahlen zukunftsfit machen

Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt sieht weiterhin dringenden Handlungsbedarf im Pflegesektor - Caritas-Generalsekretärin Parr: Pflegebereich in Österreich "schlicht nicht zukunftsfähig" - Jedes Jahr werden in Österreich 3.000 Pflegepersonen zu wenig ausgebildet

08.04.2024

Die in Österreich im Pflegebereich tätigen Hilfsorganisationen sehen dringenden weiteren Handlungsbedarf, um den Pflegesektor noch vor den anstehenden Nationalratswahlen im Herbst "zukunftsfit" zu machen. "Unsere Pflege braucht weiterhin Pflege", betonte Caritas-Generalsekretärin Anna Parr bei einer Pressekonferenz der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) am Montag in Wien.

 

Parr präsentierte dabei als aktuelle BAG-Vorsitzende gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern von Diakonie, Hilfswerk, Volkshilfe und Rotem Kreuz Maßnahmen, die von der Politik schnellstmöglich umgesetzt werden sollten. Konkret nannten die Hilfsorganisationen fünf Bereiche, in denen dringender Handlungsbedarf bestehe: Pflege- und Betreuungspersonal, Versorgungsstrukturen, pflegebedürftige Menschen und ihre pflegenden Angehörigen, eine Digitalisierungsoffensive sowie die Reform des Bundespflegegelds. In diesen Bereichen brauche es dringend Reformschritte noch vor dem Ende der Regierungsperiode, so Parr, aber auch für eine kommende Regierung seien diese Fragen von großer Bedeutung.

 

Die Bundesregierung habe zwar in der vergangenen Jahren viele Einzelmaßnahmen gesetzt und "nach Jahren des Zauderns" endlich die Notwendigkeit erkannt, Reformschritte anzugehen. Der Pflegesektor bleibe in Österreich nach wie vor ein Stückwerk und sei angesichts des demografischen Wandels "schlicht nicht zukunftsfähig", kritisierte die BAG-Vorsitzende.

 

Jedes Jahr würden 3.000 Pflegepersonen pro Jahr zu wenig ausgebildet, so Parr. Dabei sei die Nachfrage da und die Pflegeschulen der Caritas voll. Die Nachfrage sei also viel höher, "warum hier ein Deckel eingezogen wurde, ist absolut nicht nachvollziehbar", so die Caritas-Generalsekretärin. Deswegen gelte es dringend, die Ausbildung weiter in den Blick nehmen und Ausbildungsplätze aufstocken, ebenso wie mehr Beratung und Transparenz sowie Ausbildungsunterstützung, forderte Parr.

 

"Willkommenskultur" für Fachkräfte

 

Klar sei aber auch, dass der steigende Bedarf an Pflegekräften, ohne Zuzug von Fachkräften nicht zu bewältigen sei, so Parr, die in diesem Zusammenhang für eine "Willkommenskultur" bei Fachkräften aus dem Ausland warb. So müssten Hürden bei der Bürokratie und der Anerkennung von Abschlüssen aus dem Ausland abgebaut werden. Auch Menschen, die einen Schutzstatus in Österreich hätten, müssten einen leichteren Zugang zu einer Ausbildung im Pflegebereich erhalten, so Parr.

 

Laut der Direktorin der Diakonie, Maria Katharina Moser, brauche es eine "radikale Reform" im Pflegebereich, die die Wurzeln des Problems angehe, "anstatt immer nur mit dem Ausgleich von Defiziten beschäftigt zu sein". Es müsse letztlich um die Erhöhung der gesunden Lebensjahre gehen, hier hinke Österreich im EU-Schnitt hinterher. Obwohl die Menschen immer älter würden, die Zahl der gesunden Jahre seit 2012 hierzulande sogar gesunken.

 

Weiters kritisierte die Diakonie-Direktorin "gravierende Mängel bei Erhebung des Pflegebedarfs". So erfolgten oft falsche Einstufungen des Pflegegrads durch die Sachverständigen. Hierbei können die Betroffenen Einspruch einlegen, dem in über der Hälfte der Fälle dann auch stattgegeben würde, berichtete Moser. Fakt sei aber, dass viele Antragstellerinnen und Antragssteller mit der Bürokratie überfordert seien, ebenso sei der Prozess für viele mit Ängsten und Scham behaftet, "aber es gibt ein Recht auf diese Unterstützung", so Moser. Das vor 30 Jahren eingeführte Pflegegeld sei nach wie vor eine große Errungenschaft, "aber jetzt braucht es Verbesserungen, denn wer früh hilft, hilft doppelt", zeigte sich die Diakonie-Chefin überzeugt.

 

Wider das Pflegemurmeltier

 

Volkshilfe-Direktor Erich Fenninger kritisierte, dass Bund und Länder im Pflegebereich viel zu wenig Anstrengungen setzten, dabei habe die Politik eindeutig eine Versorgungsverantwortung gegenüber den Menschen in Österreich. Es herrsche trotz kleinerer Maßnahmen letztlich ein Stillstand in der Pflegepolitik, es werde nur ein Minimum getan. Die Sozialorganisationen würden hingegen fortlaufend behindert und müssten mit einem "Management im Mangel" arbeiten. Diese Situation erinnere ihn an das Murmeltier im Pflegebereich, das "täglich grüßt", so Fenninger.

 

"57 Prozent der Menschen in Österreich machen sich Sorgen, wie sie im Alter gepflegt werden", zitierte der Generalsekretär des Roten Kreuzes, Michael Opriesnig, aus einer aktuellen Studie. Diese Zahl stimme ihn "mehr als nachdenklich". Der wichtigste Faktor im Pflegebereich blieben die pflegenden Angehörigen, eine Million Menschen in Österreich übernehmen Pflegeaufgaben, 40 Prozent der Pflegegeldbezieher werden ausschließlich zu Hause gepflegt, erinnerte Opriesnig. Er forderte insbesondere von Long Covid betroffene Menschen in Pflegegeld einzubeziehen, es dürfe nicht nur bei Planungen bleiben, sondern brauche konkrete Maßnahmen, die über eine Legislaturperiode hinausgingen.

 

Die Geschäftsführerin des Hilfswerks Österreich, Elisabeth Anselm, sieht bei den Mitteln, die Österreich für den Pflegesektor eingesetzt werden, "durchaus Luft nach oben". Würden in den skandinavischen Ländern oder den Niederlanden über drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Pflege eingesetzt, seien es hierzulande lediglich 1,1 Prozent. "Pflege muss uns in Österreich künftig mehr wert sein, wir brauchen echte systematische Reformen, nicht nur Einzelmaßnahmen, sonst wird es nicht funktionieren", so Anselm. Speziell in der Digitalisierung gebe es Aufholbedarf, so gelte es, die Pflege in der Elektronische Gesundheitsakte (ELGA) besser einzubetten, das E-Rezept weiterzuentwickeln und im Bereich der Telepflege Fortschritte zu erzielen, so Anselm.

 

 

Quelle: kathpress

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