
Zulehner rechnet mit "epochaler Transformation" der Kirche
Mit einer "epochalen Transformation" der Gestalt der katholischen Kirche rechnet der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner. Der Übergang von der "Dienstleistungskirche" zu einer "Kirche des Volkes Gottes" stehe bevor, wobei ein rasches Einlenken der Kirchenleitung notwendig wäre, erklärt der emeritierte Wiener Universitätsprofessor in einem Interview mit der Kooperationsredaktion der österreichischen Kirchenzeitungen (Ausgabe 2. Juni). Der Wandel betreffe unter anderem auch die Frage, "wie wir zu Priestern kommen", so der Theologe, der ein eigenes Modell mit veränderten Zugangsbedingungen für den Priesterberuf präferierte.
Grundsätzlich sei für die Kirche die Existenz von Priestern unverzichtbar, es könne sonst "kein katholisches Leben mehr geben" und keine Eucharistie gefeiert werden. Da der "freie Berufungsmarkt" in Europa jedoch absehbar an ein Ende komme, werde ein "neuer Typ Priester" die bisherigen Amtsträger ergänzen. Zulehner sprach sich für die Wahl einer erfahrenen Person aus dem eigenen Kreis der Gemeinde aus, "die zunächst professionell ausgebildet und danach für einen größeren Raum ordiniert und zugeordnet wird, vielleicht auf Zeit". Es würde dabei nicht mehr auf das Geschlecht, die Lebensform oder die volle akademische Ausbildung ankommen.
Skeptisch äußerte sich Zulehner zu der Frage, ob ein solcher Wandel "von der Priesterkirche zur vom Volk Gottes getragenen Kirche" auch veränderte Weihebedingungen benötige. "Jetzt den Pool an Priestern kurzfristig aufzufüllen durch die Weihe von Frauen oder die Auflösung des Zölibats, würde eine sterbende Gestalt der Kirche nur verlängern", so die These des Theologen. Aus der Weihe der einen dürfe man nicht die Unterordnung der anderen ableiten, gebe es doch eine "fundamentale Gleichheit an Würde und Berufung". Ziel müsse sein, "dass das ordinierte Amt wirklich ein Dienst am Volk Gottes wird". Dabei könne ein "Gemeindeseminar" das bisherige Priesterseminar ergänzen.
Ausgangspunkt von Zulehners Überlegungen war die jüngste Studie über Neupriester, welche die Deutsche Bischofskonferenz beim Zentrum für angewandte Pastoralforschung in Bochum in Auftrag gegeben und Mitte Mai präsentiert hatte. Bei der vor zwei Jahren durchgeführten Online-Umfrage hatten 153 der 850 zwischen 2010 und 2021 geweihten Neupriester Deutschlands teilgenommen. Die Ergebnisse legen unter anderem nahe, dass Priester heute fast ausnahmslos aus der Mittelschicht kommen und eher auf die Entwicklung ihrer persönlichen Spiritualität statt der von ihnen geforderten Führungsposition achten.
"Weltoffene Gottesmänner" fehlen
Zulehner machte auf die geringe Teilnahme an der Studie aufmerksam, welche die Aussagekraft schmälere. Bei einer selbst durchgeführten mitteleuropäischen Studie über "Priester 2000" sei der Rücklauf deutlich höher gewesen. Relativ klar habe sich dennoch gezeigt - etwa durch den nun festgestellten Priesterschwund von 79 Prozent seit 2002 - "dass sich substanziell etwas verändert". Festzustellen sei dies auch bei den heutigen Neupriestern, die laut Studie zunehmend dem Typ "weltabgewandte, zeitfremde Kleriker" entsprächen. "Weltoffene, im Evangelium verwurzelte Gottesmänner" fehlten hingegen - jener Typ, der laut Zulehner für die Kirche der Zukunft nötig sei.
Laut der Prognose des Wiener Theologen ist die Frage nach dem Ersatz der fehlenden Priester nur ein kleiner Teil des anstehenden Wandels der Kirche. Für 2025 kündigte Zulehner die Präsentation seiner derzeit laufenden Evaluierung der diözesanen Strukturreformen an. Die Ergebnisse seien "explosiv", kündigte der Experte bereits an.
Quelle: kathpress