
List: Für Missbrauchsprävention Ende des Zölibats erwägenswert
Nach Ansicht der neuen Unabhängigen Opferschutzanwältin Caroline List sollte die katholische Kirche ein Ende des Zölibats zumindest in Erwägung ziehen. Viele der des Missbrauchs Beschuldigten seien Ordensleute oder Priester, sagte die Vorsitzende der Unabhängigen Opferschutzkommission für minderjährige Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch durch Angehörige der katholischen Kirche in einem am Dienstag veröffentlichten ORF-Interview. Ein zu sexueller Enthaltsamkeit und Ehelosigkeit verpflichtetes Leben könne mitunter zu einem "einsamen Leben" führen, so List. Schon nach ihrer Ernennung im Herbst hatte die Juristin den Ansatz, den Zölibat für katholische Priester freizustellen, als Option genannt.
Die Präsidentin des Grazer Straflandesgerichts hat mit Jahresbeginn als Nachfolgerin von Waltraud Klasnic den Vorsitz der 2010 von der Österreichischen Bischofskonferenz und der Ordenskonferenz eingesetzten Unabhängigen Opferschutzkommission übernommen. Seit der Einrichtung der Kommission wurden laut offizieller Statistik bis Ende September 2025 insgesamt 3.702 Meldungen über Missbrauch und Gewalt im kirchlichen Bereich entgegengenommen. In 3.544 Fällen entschied die Kommission über finanzielle Hilfe und gegebenenfalls über die Übernahme von Therapiekosten wobei die Kirchenleitung den Empfehlungen der Kommission folgte. Insgesamt wurden 37,9 Millionen Euro an Betroffene ausbezahlt. Karoline List gehört der Opferschutzkommission seit Gründung an.
"Die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen"
Auch wenn der Großteil der Missbrauchstaten in den 1960er- und 1970er-Jahren stattgefunden habe, würden bis heute Fälle aufgearbeitet, betonte List. "Die Aufarbeitung ist nicht abgeschlossen", sagte sie im ORF-Interview. Immer noch meldeten sich viele Menschen; dies auch, weil "sie erst sehr spät in der Lage sind., Dinge, die sie belasten, auch öffentlich oder zumindest in Gesprächen zu berichten". Viele Menschen schilderten, dass sie erst durch Medienberichte zu Missbrauchsfällen begonnen hätten darüber nachzudenken, was ihnen in ihrer Jugend passiert ist.
Eine zentrale, zugleich aber schwierige Frage sei dabei die Wahrheitsfindung. "Wir haben es mit Sachverhalten zu tun, die teilweise weit in der Vergangenheit liegen. Wir haben es mit Beschuldigten zu tun, die in den meisten Fällen verstorben sind", erläuterte die Opferschutzanwältin.
Anders als bei einem Gerichtsverfahren stellten die Experten der Opferschutzkommission die Plausibilität der Opfer voran. "Wenn wir nicht den Opfern glauben würden, bestünde nicht die Möglichkeit, diese vielen in der Vergangenheit gelegenen Missbrauchs- und Gewaltvorwürfe in irgendeiner Weise aufzuklären", erklärte List.
Da es bestimmte Hotspots gegeben habe, kenne man in den meisten Fällen sowohl die Täter als auch die Orte - etwa Heime und Internate -, in denen es besonders häufig zu Missbrauch gekommen sei, so die Opferschutzanwältin weiter. Diesbezüglich sei das Risiko heute deutlich kleiner, schon "weil diese geschlossenen Systeme, in denen Missbrauch stattgefunden hat, nicht mehr existieren", erklärte List. "Es gibt keine kirchlichen Heime mehr, es gibt keine Zöglinge mehr, die dort zwangsweise eingewiesen wurden, es gibt keinen überforderten Schwestern und Mönche, die auf sie zu schauen hatten", so die Juristin. Daher sei auch das Szenario, in dem sich Missbrauch oder Gewalt im kirchlichen Bereich abspielen kann, ein ganz anderes.
Kirche "hat Verantwortung übernommen"
Kirchenintern werde in Österreich derzeit die Stärkung der Stabsstellen für Prävention vorangetrieben, begrüßte List weiter: "Wir können uns mit unserem Wissen und den Erfahrungen, die wir aus den Akten gemacht haben, in die Diskussion, denke ich, gut einbringen."
Insgesamt habe die Kirche hierzulande schon Einiges an Verantwortung übernommen, so die Strafrichterin. "Das muss ich deshalb so deutlich sagen, weil das nicht in allen Ländern der Welt der Fall ist", sagte List: "Wenn wir nach Italien schauen, dort gibt es praktisch diese Diskussion gar nicht. Und in vielen anderen Ländern ist die Diskussion erst am Beginn."
(Interview abrufbar auf der ORF-Website unter https://steiermark.orf.at/stories/3334650/)
Quelle: kathpress