
Religionssoziologin: Autoritäre Tendenzen prägen Politik und Religion
Die Soziologin Kristina Stoeckl sieht einen internationalen Trend hin zu illiberalen politischen Systemen, der auch Kirchen und religiöse Akteure unter Druck setzt. Liberale Demokratie mit ihrer Garantiefunktion für Minderheiten und ihrem Anspruch auf universelle Menschenrechte gelte in vielen Ländern nicht mehr als erstrebenswert. Gefährlich sei es, "wenn der Grundsatz aufgegeben wird, dass in einer Demokratie die Menschen gleich viel gelten". Denn: "Sobald man eine, wie Aristoteles sagte, 'natürliche' Ordnung wie das Patriarchat als gottgegeben nimmt und daraus eine politische Ordnung ableitet, verlässt man den Boden der Demokratie", so Stoeckl im Interview mit der Kooperationsredaktion der Kirchenzeitungen. Diese Tendenz sei laut Stoeckl u.a. bei christlichen Rechten zu beobachten.
Als Beispiele nannte die in Rom lehrende österreichische Religionssoziologin Russland, Ungarn und die USA, wo es zwar offiziell demokratische politische Modelle gäbe - jedoch ohne den Maßstäben liberaler Demokratien zu entsprechen. Laut Stoeckl gibt es auch eine weltanschauliche Annäherung zwischen den USA und Russland: "Beide Systeme sind klar rechts positioniert, indem sie für moralkonservative Werte eintreten, dafür, dass eine christlich geprägte Kultur den Staat bestimmen soll, gegen internationales Recht, gegen Pluralismus und in weiten Teilen auch gegen Meinungsfreiheit."
Im Zusammenspiel von Religion und Politik beobachtet Stoeckl eine wachsende Vielfalt religiöser Akteure. Es gebe nicht mehr die eine kirchliche Stimme, die für "die" christliche Position spreche. Stattdessen seien zahlreiche konfessionsübergreifende und international vernetzte Bewegungen entstanden, die sehr unterschiedliche Vorstellungen von christlicher Kultur vertreten würden. Innerhalb der Kirchen reichten diese Positionen von der Betonung traditioneller Werte und Abgrenzung bis hin zu Engagement für soziale Gerechtigkeit, Offenheit und Armutsbekämpfung.
Gesellschaftliche Gegensätze spiegelten sich auch zunehmend innerhalb der Kirchen wider. In der Orthodoxie sei die Spaltung durch den Krieg in der Ukraine besonders sichtbar: Das Moskauer Patriarchat vertrete ein autokratisches Modell, während das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel eine mit liberalen Demokratien vereinbare Tradition repräsentiere. Aber auch westliche protestantische Kirchen stünden unter Druck, konkret durch evangelikale und fundamentalistische Strömungen, "die politisch agieren und das politische System umgestalten wollen", erklärte die Soziologin. "Ähnliches gilt für den Katholizismus, wo sich ultrakatholische oder integralistische Gruppen von einem sozialethisch orientierten Katholizismus abgrenzen, für den etwa Papst Franziskus und Papst Leo XIV. stehen", so Stoeckl weiter.
Die Inhalte der innerkirchlichen Debatte seien Genderfragen, Migration, Islam oder Abtreibung. Wobei es "nur noch um Schlagwort-Auseinandersetzungen" gehe, meinte Stoeckl, die eine solche als "moral conservative readymades" (dt.: moralkonservative Fertigprodukte) bezeichnete. Themen wie Gender sowie anti-feministische oder anti-homosexuelle Narrative ließen sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten aktivieren. Anders beim Thema Islam: "In der orthodoxen Welt oder in globalen Netzwerken christlicher Rechter sind Muslime eher Verbündete als Feindbilder, weil ähnliche autoritäre und antifeministische Werte vertreten werden", erklärte die Soziologin.
Trotz dieser Entwicklungen sieht Stoeckl auch Anlass zur Hoffnung: Innerhalb der Kirchen gebe es Initiativen und Akteure, die sich bewusst für demokratische Werte einsetzten. "Ich glaube, dass man, wenn man den Blick in eine andere Richtung richtet, auch wieder mehr positive Anzeichen sieht."
Quelle: kathpress