
Scheuer: Josef Ratzenböck war "Kümmerer für das gute Leben"
Als einen "Kümmerer für das gute Leben" hat Bischof Manfred Scheuer den verstorbenen oberösterreichischen Alt-Landeshauptmann Josef Ratzenböck gewürdigt. Die Sorge um den Nächsten und das Gemeinwohl hätten Ratzenböck zeitlebens angetrieben - "Empathie im Fühlen, Denken und Handeln" hätten ihn ausgezeichnet, sagte Scheuer laut Predigtmanuskript am Samstagmittag beim Requiem für den am 23. Dezember im 97. Lebensjahr verstorbenen früheren Landesvater im Linzer Dom. "Friede und konsensorientierte demokratische Politik waren ihm heilig", so Scheuer weiter. Politik habe Ratzenböck als "angewandte Liebe zur Welt" verstanden: "Josef Ratzenböck hat Verantwortung übernommen und er hat die Leute gemocht. Das haben sehr viele gespürt: Dem bin ich nicht gleichgültig, dem sind wir nicht egal!"
Dem Requiem im Linzer Dom ging eine Gedenkfeier und gemeinsame Trauersitzung von Landesregierung und Landtag voraus, bei der das offizielle Oberösterreich von dem ÖVP-Politiker, der von Oktober 1977 bis März 1995 an der Regierungsspitze des Bundeslandes stand, Abschied nahm. Die Spitzen der Landespolitik würdigten den Verstorbenen dabei als authentischen Volksvertreter, als verbindenden Charakter und überzeugten Europäer.
In die Amtszeit Ratzenböcks fielen große politische Ereignisse wie der Fall des Eisernen Vorhangs und der EU-Beitritt Österreichs. Zu den bewegendsten Momenten zählte er selbst, als er am 11. Dezember 1989 gemeinsam mit dem südböhmischen Kreisvorsitzenden Miroslav Senkyr am Grenzübergang Wullowitz den "Eisernen Vorhang" durchschnitt. Auch nach seinem Abschied aus der Landesregierung blieb er politisch aktiv. So war er etwa bis 2017 Obmann des Oberösterreichischen Seniorenbundes.
Bereits am Freitag war der Sarg in der Minoritenkirche des Landhauses aufgebahrt und die Oberösterreicher konnten Abschied nehmen. Am Samstag folgte dann der offizielle Teil der Trauerfeierlichkeiten. Zu deren Beginn würdigte Landtagspräsident Max Hiegelsberger den Verstorbenen als Landesvater, Gestalter und als "zutiefst sozialen Menschen", dem es wichtig gewesen sei, nahe bei den Menschen zu sein, und dem es um das Aufeinanderzugehen gegangen sei. "
Der amtierende Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) nannte Ratzenböck laut Austria Presse Agentur (APA) "eine der prägendsten Persönlichkeiten unserer Zeitgeschichte". Teil seines Fundaments sei gewesen, dass er den Zweiten Weltkrieg miterleben musste und in einer zerrissenen Welt aufgewachsen sei. Die Zeitenwende nach dem Fall des Eisernen Vorhangs habe Ratzenböck "nicht nur miterlebt, er hat sie mitgestaltet". Als Meilenstein seines politischen Handelns nannte er u.a. die Einführung des Pflegegeldes, aber auch den Aufbau des Industriestandorts und die Gründung des Musikschulwerks.
Die Beisetzung im Anschluss an das Requiem erfolgt im Familienkreis. Ratzenböck hinterlässt seine Frau Anneliese, mit der er seit 1954 verheiratet war, und zwei Kinder.
Quelle: Kathpress