
Theologin: Antisemitismus-Strategie kirchlich stärker rezipieren
Für eine stärkere kirchliche und theologische Rezeption und Mitwirkung an der "Nationalen Strategie gegen Antisemitismus" hat die Grazer Theologin Prof. Martina Bär plädiert. Die Strategie enthalte viele Maßnahmen, die aus theologischer wie auch kirchlicher Sicht deutlich zu begrüßen und zu unterstützen seien - etwa die Errichtung eines eigenen Holocaust-Museums oder auch die Thematisierung des Antisemitismus und seiner demokratiefeindlichen Folgen in Integrationskursen, sagte Bär in der aktuellen Folge im Theologie-Podcast "Diesseits von Eden". Insgesamt sprach sich die Theologin, die u.a. zum Umgang mit Antisemitismus an den österreichischen Universitäten forscht, für eine verstärkte theologische Befassung mit Antisemitismus und seinen modernen Ausprägungen aus.
Bär äußerte sich in dem Podcast-Gespräch gemeinsam mit dem Berner Gemeinderabbiner Jehoshua Ahrens, der u.a. auch an der Universität Salzburg am Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an einem Projekt mit dem Titel "Eine jüdische Theologie des Christentums - traditionelle jüdische Quellen zum Christentum" arbeitet. Das Gespräch stand unter dem Titel "Antisemitismus in Österreich: Woher rührt der Hass - und was kann man dagegen tun?" und fand im Kontext des "Tages des Judentums" statt, der österreichweit am 17. Jänner von den christlichen Kirchen begangen wird.
"Im Blick auf die Nationale Strategie würde ich sagen, dass sich hier die christlichen Kirchen stärker öffentlich positionieren sollten gegen Antisemitismus", so Bär. Das geschehe bereits immer wieder punktuell, könne jedoch noch kraftvoller geschehen. "Auch halte ich theologische Bildung für essentiell beim Thema Antisemitismus. Als theologische Einrichtungen sind wir aufgerufen, unser Wissen verstärkt einzubringen. Und schließlich würde ich den christlichen Kirchen und der Theologie empfehlen, sich diese Handlungsfelder der Nationalen Strategie gegen Antisemitismus verstärkt anzusehen und zu eigen zu machen, um gemeinsam mit den staatlichen Stellen für eine Umsetzung sorgen zu können."
Einig zeigten sich Bär und Ahrens darin, dass die "Dialogbemühungen und Begegnungsmöglichkeiten erhöht" werden müssten, da gerade der persönliche Kontakt antisemitische Vorurteile und Narrative abbaue. "Generell muss man wohl betonen, dass Bildung und Begegnung ganz wichtig sind", so Ahrens. "Und hier kommen dann auch wieder die Religionen ins Spiel, auch wenn die momentan eher in der Defensive sind und immer weniger Einfluss haben auf die Gesellschaft. Aber oft wird wohl vergessen, welche wichtige Rolle Religionen in Gesellschaften spielen können. Denn gerade in solch zersplitterten, individualisierten Gesellschaften, in denen wir leben, sind es die Grundwerte der Religionen - und die teilen wir, ob das jetzt christlich ist, jüdisch, muslimisch -, die Menschen zusammenbringen. "

Prof. Martina Bär
Im Blick auf die katholische Theologie empfahl Bär eine neue Vergegenwärtigung der Erkenntnisse der "Neuen Politischen Theologie" und der "Theologie nach Auschwitz". Diese mit dem Namen Johann Baptist Metz (1928-2019) verknüpfte Theologie habe seit den 1970er Jahren eine enorme Resonanz gefunden mit ihrer Betonung der Verwiesenheit des Christentums auf das Judentum und der Bedeutung der Leidenserinnerung ("memoria passionis") für die christliche Gottesrede. Hier sei vieles aufgearbeitet worden, was gerade heute in der Prävention des Antisemitismus wieder wichtig wäre, betonte Bär.
Auch Ahrens sprach sich im Blick auf die Antisemitismusbekämpfung für eine starke katholische Theologie und Kirche aus - schließlich habe die katholische Kirche etwa mit dem Konzilsdokument "Nostra aetate" eine "180-Grad-Kehrwende" in ihrem Verhältnis zum Judentum vollzogen. Diese theologische Bereinigung von teils bis heute bestehenden antijudaistischen Versatzstücken sei noch nicht abgeschlossen und müsse immer wieder forciert werden. Zugleich würdigte Ahrens die katholische Theologie und Kirche als eine wichtige Stimme im Kampf gegen den Antisemitismus.
Die überarbeitete Nationale Strategie gegen Antisemitismus wurde von der Bundesregierung Anfang Dezember vorgelegt. Sie enthält einen deutlich erweiterten Maßnahmenkatalog für den Zeitraum 2025 bis 2030. Die "NAS 2.0" umfasst insgesamt 49 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern, die von der klassischen Bildungsarbeit bis hin zur Bekämpfung digitaler Hassrede reichen. Ein jährlicher Bericht an den Nationalrat soll Transparenz über Fortschritte und Defizite schaffen. Für 2030 ist eine umfassende Evaluation vorgesehen, um über eine Weiterentwicklung der Strategie zu entscheiden.
Der Podcast "Diesseits von Eden" wurde vor fünf Jahren von den theologischen Fakultäten in Österreich und Südtirol gegründet. Er umfasst inzwischen über 90 Folgen. Die aktuelle Folge kann unter https://diesseits.theopodcast.at/antisemitismus-oesterreich-judentum-theologie nachgehört und nachgelesen werden. Darüber hinaus ist "Diesseits von Eden" über alle gängigen Podcast-Plattformen abrufbar.
Quelle: Kathpress