Caritas-Studie: Teuerung verschärft soziale Isolation
Mehr als 700.000 Menschen in Österreich fühlen sich sehr häufig einsam, jeder vierte wünscht sich mehr sozialen Austausch: Das zeigt eine neue Studie des Instituts Foresight im Auftrag der Caritas der Erzdiözese Wien, die am Freitag im Vorfeld des "Blue Monday" - der dritte Montag im Jänner ist angeblich der traurigste Tag des Jahres - in Wien präsentiert wurde. Caritasdirektor Klaus Schwertner bezeichnete Einsamkeit "dabei als die stille Pandemie unserer Zeit".
Verschärft werde Einsamkeit durch die aktuellen Teuerungen, hieß es: So hat sich der Anteil jener, die aus Kostengründen soziale Kontakte einschränken mussten, seit 2023 verdoppelt; besonders betroffen davon sind Ältere und Personen mit geringem Einkommen. Einsamkeit sei damit kein Randphänomen, sondern eine gesellschaftliche wie politische Herausforderung, so Schwertner. Der Wiener Caritasdirektor forderte daher einen ressortübergreifenden Aktionsplan gegen Einsamkeit sowie eine breitere politische Debatte über Schutzräume für Kinder und Jugendliche im digitalen Raum, bis zu einem Social-Media-Verbot nach australischem Vorbild: "Kinder brauchen Schutzräume, keine Shitstorms."
"Wer Armut bekämpft, bekämpft auch Einsamkeit", appellierte Schwertner an die Politik. So seien Entlastungsmaßnahmen wie die Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel oder das günstigere Stromgesetz Schritte in die richtige Richtung. Sie reichten aber nicht aus.
Armut und Einsamkeit sind laut Schwertner mit Scham besetzt: So gaben 61 Prozent der Befragten an, dass Einsamkeit noch immer ein gesellschaftliches Tabu ist. 33 Prozent hätten ihre sozialen Kontakte aufgrund von Teuerungen eingeschränkt. Weiters wirke sich Einsamkeit negativ auf die Lebensqualität aus. Die Studie unterstreicht laut Caritas damit den Bedarf an gezielten politischen und sozialen Maßnahmen zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Grundlage ist eine österreichweite Face-to-Face-Befragung von 1.000 Personen ab 15 Jahren im Jahr 2025, als Follow-up einer vorangehenden Studie aus dem Jahr 2023. Entgegen der Erwartungen habe das Ende der Pandemie keine spürbare Entspannung gebracht, hieß es. Einsamkeit habe sich "auf erstaunlich hohem Niveau verfestigt", so Schwertner. Zugleich zeigen die Ergebnisse einen Rückgang stabiler sozialer Netzwerke; viele Befragte bezweifeln zudem, im Notfall auf verlässliche Kontakte zurückgreifen zu können. Bei mehr als einem Fünftel der Befragten hat die Einsamkeit in den vergangenen fünf Jahren zugenommen; ein Viertel der Befragten äußerte zudem Sorge, in Zukunft einsamer zu werden.
Stöckl: Einsamkeit zeigt sich im Alltag
Moderatorin Barbara Stöckl, die gemeinsam mit Schwertner die Studienergebnisse präsentierte, verwies auf die Alltagsrealität: Einsamkeit zeige sich etwa darin, dass Menschen soziale Kontakte zunehmend in Arztpraxen oder Apotheken suchten. Und auch die digitale Vernetzung könne persönliche Begegnungen nicht ersetzen. Als entscheidend nannte sie sinnstiftende Beziehungen und die Stärkung eigener Ressourcen. "Einsamkeit bekommt im öffentlichen Diskurs noch immer zu wenig Raum", kritisierte Stöckl.
Aus medizinischer Sicht unterstrich der Psychiater und ärztliche Leiter der Caritas, Thomas Wochele-Thoma, die Tragweite des Problems. Einsamkeit erhöhe nachweislich das Risiko für chronischen Stress, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Demenz und vorzeitigen Tod. Weiter sei der Einfluss von Einsamkeit auf die Gesundheit ähnlich wie jener von Rauchen oder Alkohol. Zugleich schwäche sie gesellschaftliche Teilhabe und gefährde demokratische Prozesse.
Plaudernetz gegen Einsamkeit
Als Reaktion auf das um sich greifende gesellschaftliche Problem verweist die Caritas auf eigene Initiativen wie das "Plaudernetz", eine kostenlose und anonyme Telefonhotline gegen Einsamkeit. Das 2020 gestartete Projekt mit mehr als 4.100 freiwilligen Plauderpartnerinnen und -partnern ist mittlerweile auch in Deutschland aktiv.
Seit dem Projektstart im April 2020 wurden laut Caritas mehr als 70.000 Gespräche geführt. Das Jahr 2025 sei dabei das bisher "stärkste Jahr" seit Projektstart gewesen, mit einer Rekordzahl von 15.000 geführten Gesprächen. Weiters machte die Caritas auf Projekte wie die "Plauderbankerl" vor vielen Pfarren und im öffentlichen Raum sowie einen virtuellen Plauderraum aufmerksam.
Quelle: Kathpress
