
Judentum-Vertreter würdigt kirchliche Dialog-Bemühungen
Der Präsident der progressiven jüdischen Gemeinde "Or Chadasch", Eric Frey, hat im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" und "Radio Klassik Stephansdom" die Bemühungen der Kirchen um vertiefte Beziehungen mit dem Judentum gewürdigt. "In Österreich sind heute die katholische Kirche und auch die evangelische Kirche eine der Hauptquellen des friedlichen und positiven Zusammenlebens mit dem Judentum und auch des Akzeptierens von Jüdinnen und Juden in dieser Gesellschaft", sagte Frey. Die Kirchen würden sich auch im Auftreten gegen den Antisemitismus sehr klar zu Wort melden. Freilich könnte man immer noch mehr tun.
Im Blick auf den Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus sagte Frey: "Ich war immer der Meinung, dass die Frage der NS-Vergangenheit nicht die Aufgabe von Jüdinnen und Juden in Österreich sein kann. Das ist die Verantwortung und Aufgabe der Nichtjuden, weil es in erster Linie ihr Problem ist und nicht unseres."
Der Präsident von "Or Chadasch"bekannte sich im Interview auch als "scharfer Kritiker der israelischen Politik der letzten Jahre und Jahrzehnte". Er glaube, "dass die einzige Art und Weise, wie Israel langfristig seine Existenzberechtigung behalten kann, jene ist, dass es zu einer Zwei-Staaten-Lösung kommt, indem auch die Palästinenser ein Recht auf Selbstbestimmung und auf Bürgerrechte haben, was ihnen derzeit auch vor allem jetzt im Westjordanland vorenthalten wird". Er sehe zugleich im Zionismus an sich, "wenn er ein liberaler, ein toleranter Zionismus ist, so wie er ursprünglich gedacht war, überhaupt nichts Böses, sondern etwas, was in eine moderne Welt auch hineinpassen würde".
Innerjüdische Verankerung
Frey stellte im Interview auch "Or Chadasch" ("Neues Licht") vor. Gegründet 1990, sei "Or Chadasch" die einzige progressive jüdische Gemeinde in Österreich. Ihre Synagoge befindet sich in der Robertgasse im Zweiten Wiener Gemeindebezirk. "Or Chadasch" sei als jüdischer Verein ein Teil der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), so Frey: "Viele unserer Mitglieder sind auch IKG-Mitglieder, so wie ich. Andere aber sind es nicht und andere können es auch nicht sein, weil sie vom orthodoxen Judentum nicht als Juden akzeptiert werden."
Das liege meistens daran, "dass sie zwar übergetreten sind zum Judentum, aber nicht vor einem orthodoxen Rabbinergremium, sondern vor einem liberalen. Aus der Sicht des orthodoxen Judentums kann es keine nicht-orthodoxe Synagoge geben und unsere Rabbiner werden auch nicht als Rabbiner akzeptiert." Man müsse auch bedenken, dass es in der Kultusgemeinde verschiedene Fraktionen und Gruppen gibt. Für die Ultraorthodoxie etwa sei das liberale Judentum ein rotes Tuch.
Dem hielt Frey entgegen: "Wir sehen uns als absolut volle Juden. Wir sagen auch, dass wir nicht anders sind. Liberales Judentum ist keine Abspaltung, sondern eine andere Form, jüdisch zu leben. Unsere Position ist, dass sich das Judentum über die Jahrtausende immer verändert hat. Und sich auch immer wieder an die moderne Welt angepasst hat."
Frauen-Frage entscheidend
Der entscheidende Unterschied zwischen orthodoxem und liberalem Judentum sei die Stellung der Frau, so Frey: "Für uns sind Frauen absolut gleichberechtigt - in jeder Hinsicht. Das heißt, sie nehmen voll am jüdischen, am religiösen Leben teil. Sie werden genauso aufgerufen zur Torah-Lesung, was ja der zentrale Ritus der jüdischen Religion ist. Sie machen eine Bat-Mizwa mit 13 Jahren, so wie die Burschen, wo sie genauso auch aus der Torah lesen und so als vollwertige Mitglieder aufgenommen werden. Und es kann auch Rabbinerinnen geben."
Das sei auch für ihn, so Frey, der wichtigste Grund, weshalb er zu "Or Chadasch" gehöre: "Mein Judentum und meine Beziehung zur Religion muss meinen übrigen politischen, gesellschaftlichen und moralischen Werten entsprechen. Und die Gleichberechtigung der Geschlechter ist für mich eine ganz entscheidende Frage."
"Radio Klassik Stephansdom" sendet am 18. Jänner um 17.30 Uhr ein Porträt von Eric Frey. Die Sendung ist im Anschluss auch als Podcast abrufbar. (Infos: radioklassik.at)
Das Interview fand anlässlich des "Tages des Judentums" statt, den die Kirchen am 17. Jänner begehen. Um die Verbindung zwischen Christentum und Judentum bewusster zu machen, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich im Jahr 2000 diesen Termin eingeführt, an dem es vielerorts in Österreich spezielle Veranstaltungen und Gottesdienste zum Thema gibt. Der "Tag des Judentums" ist auch der Auftakt zur "Gebetswoche für die Einheit der Christen" (18. bis 25. Jänner).
Quelle: Kathpress