
Nuntius ruft bei Hofburg-Neujahrsempfang zu Dialog und Frieden auf
Die besondere Rolle Österreichs als stabiler und glaubwürdiger Partner für Frieden und Dialog hat der Apostolische Nuntius in Österreich, Erzbischof Pedro Lopez Quintana, am Mittwoch beim Neujahrsempfang von Bundespräsident Alexander Van der Bellen in der Wiener Hofburg hervorgehoben. "Österreichs institutionelle Stabilität und sein langjähriges Engagement für Dialog, internationales Recht und multilaterale Kooperation stellen einen wertvollen Beitrag für die europäische und internationale Gemeinschaft dar", betonte Quintana bei seiner Ansprache, die er in seiner Funktion als Doyen des Diplomatischen Corps hielt. Gleichzeitig mahnte er, dass Frieden nur durch Verantwortung, Kompromissbereitschaft und Geduld aufgebaut werden könne.
Zur aktuellen Weltlage fand der Vertreter des Papstes vor den versammelten Mitgliedern des diplomatischen Korps und Regierungsvertretern düstere Worte: "In diesen ersten Tagen des Jahres bleibt das internationale Klima ernst und unsicher." Er wies hin auf "die Rückkehr offener Kriege, anhaltende humanitäre Krisen und die wachsende Versuchung, internationale Beziehungen durch Druck statt durch Überzeugung zu gestalten". Geopolitische Gleichgewichte wie auch kulturelle Paradigmen würden gerade tiefgreifend neu ausgerichtet, und statt einer Ära des Wandels erlebe die Menschheit gerade einen "Wandel der Ära".
Besondere Sorge äußerte Lopez Quintana über die "Schwäche des Multilateralismus auf internationaler Ebene". Eine "Diplomatie, die Dialog fördert und auf Konsens unter allen Parteien abzielt" werde abgelöst von einer "Diplomatie, die auf Gewalt beruht", und weiter: "Krieg ist wieder in Mode, und ein Eifer für Krieg breitet sich aus. Das nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte Prinzip, das den Nationen untersagte, Gewalt anzuwenden, um die Grenzen anderer zu verletzen, ist vollständig untergraben." Frieden werde heute durch Waffen angestrebt, "als Bedingung zur Durchsetzung eigener Herrschaft", was die Rechtsstaatlichkeit und damit die Grundlage allen friedlichen zivilen Zusammenlebens bedrohe.
Völkerrechts-Verletzungen nicht ignorieren
Der Nuntius verwies auf Prinzipien, die es besonders zu schützen gelte, darunter das humanitäre Recht. Dieses müsse immer über den Ambitionen der Kriegführenden stehen, um die verheerenden Auswirkungen von Krieg zu mildern, "auch mit Blick auf den Wiederaufbau". Hingegen stelle die Zerstörung von Krankenhäusern, Energieinfrastruktur, Wohnraum und lebenswichtigen Einrichtungen eine "schwere Verletzung des Völkerrechts" dar, die nicht ignoriert werden dürfe. Lopez Quintana hob zugleich die Menschenwürde und die "Heiligkeit des Lebens" hervor, deren Schutz "immer mehr zählt als bloße nationale Interesse". Friede sei untrennbar mit dieser Würde, dem Schutz der Verletzlichen sowie auch der ethischen Kontrolle von Technologie und Macht verbunden.
Vor diesem Hintergrund würdigte der Papst-Botschafter die Bedeutung der Friedensdiplomatie, zu welcher Europa und insbesondere auch Österreich beauftragt sei. Europa werde von vielen beneidet, dürfe nicht schlechtgeredet werden und müsse seine "Verhandlungsmacht" erkennen, zitierte Lopez Quintana aus Van der Bellens TV-Neujahrsansprache. Der Appell des Bundespräsidenten sei eine Einladung gewesen, Verantwortung zu übernehmen und Frieden durch "glaubwürdiges Engagement und geduldige Verhandlungen" zu suchen. Diplomatie beginne zu Hause, "in der bürgerlichen Kultur des Respekts und in der geduldigen Suche nach tragfähigen Vereinbarungen".
Verzicht auf Besitz ganzer Wahrheit
Hier komme Österreich ins Spiel. Die Alpenrepublik wisse aus der eigenen Geschichte, "dass Frieden nicht durch bloße Gewalt aufrechterhalten werden kann", sondern von Institutionen und dem Rechtsrahmen abhänge, sowie von der "Bereitschaft, anzuerkennen, dass keine Nation, keine Gruppe, keine Ideologie die ganze Wahrheit besitzt". Auch auf die ebenfalls von Van der Bellen angesprochene österreichische Kompromissfähigkeit verwies Lopez Quintana und bezeichnete sie als "universelle Tugend des Friedens": Als "Weigerung, die eigene Perspektive zu absolutieren" und als in demokratischen Gesellschaften notwendige gemeinsame Suche nach dem Gemeinwohl.
Frieden sei schließlich "nicht nur eine Frage von Verträgen und Gleichgewichten, sondern auch von inneren Haltungen", schloss der Nuntius, der dafür auch Beispiele nannte: "Demut statt Stolz, Dialog statt Verachtung, Aufbau statt Zerstörung." Österreich möge, so der Wunsch des Vertreters von Papst Leo XIV., zusammen mit seinen europäischen Partnern und allen von den Mitgliedern des Diplomatischen Korps vertretenen Nationen "weiterhin zu einem Frieden beitragen, der geduldig aufgebaut, mutig verteidigt und verantwortungsbewusst getragen wird".
Van der Bellen: Europa muss Machtspielen entgegentreten
Während der Nuntius derzeitige Konfliktparteien nur indirekt angesprochen hatte, nutzte der Gastgeber des Empfangs, Bundespräsident Van der Bellen, seine Rede für direkte Kritik. Besonders deutlich fiel diese gegenüber der USA aus, für die "unverhohlenen Versuche eines einstigen Freundes, Grönland zu übernehmen" und für die Intervention in Venezuela, die "das Völkerrecht verletzt" habe. Auch Van der Bellen unterstrich, dass Europa solchen Machtspielen entgegentreten müsse: "Es darf sich nicht spalten lassen, weder durch Kräfte von innen noch von außen." Positives Beispiel sei die schnelle Solidaritätsbekundung europäischer Staaten mit Dänemark in Sachen Grönland gewesen.
Ausführlich ging Van der Bellen auf die großen Krisenherde der Gegenwart ein und schilderte deren humanitäre Folgen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine sei "noch brutaler geworden", mit gezielten Angriffen auf zivile Infrastruktur, insbesondere auf Energieeinrichtungen, wodurch große Teile der Bevölkerung "Kälte und Dunkelheit" ausgesetzt seien. Im Nahen Osten sprach er von einem "äußerst fragilen Übereinkommen" zwischen Israel und Gaza, das zwar die Rückkehr von Geiseln ermöglicht habe, die Lebensbedingungen der Menschen im Gazastreifen aber weiterhin "äußerst prekär" seien. Auch den seit 2023 andauernden Krieg im Sudan erwähnte er als Beispiel massiven Leidens ohne absehbares Ende.
Besonders scharf fiel die Kritik des Bundespräsidenten an der Lage im Iran aus. Dort sprach er von einer "schrecklichen und brutalen Unterdrückung" der Proteste, bei denen "tausende Menschen getötet wurden, weil sie ein demokratisches Recht ausgeübt haben: friedlich auf die Straße zu gehen und zu protestieren". Diese Entwicklungen zeigten, so Van der Bellen, wie sehr die regelbasierte internationale Ordnung und der Multilateralismus unter Druck geraten seien.
Dem stellte Van der Bellen einen eindringlichen Appell an die "hohe Kunst der Diplomatie" entgegen. Verhandlungen müssten Vorrang haben vor militärischer Macht, wirtschaftlichem Druck oder dem Einsatz von Zöllen als politischem Instrument. Es gelte, "mehr auf das Reden mit sanfter Stimme zu setzen als auf das Tragen eines großen Knüppels", zitierte er den früheren US-Präsidenten Theodore Roosevelt, und rief mit George W. Bush zur Bildung einer "neuen Achse des Guten" jener Staaten auf, die sich zu Rechtsstaatlichkeit, Zusammenarbeit und Frieden bekennen.
Abschließend warb Van der Bellen für Österreichs Engagement in multilateralen Strukturen und die Kandidatur für einen nicht-ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat. "Wir kandidieren, weil wir daran glauben, dass Multilateralismus diese Welt zu einem besseren Ort macht. Und dass kleine Länder, neutrale Länder, Länder ohne große militärische oder wirtschaftliche Schlagkraft auf der Weltbühne etwas bewirken können, wenn sie sich auf einen entsprechenden Rahmen stützen können", erklärte der Bundespräsident und bat die versammelten Diplomaten um Unterstützung bei der dafür entscheidenden Wahl im Juni.
Der Neujahrsempfang fand im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg statt. Eingeladen waren die bei der Republik Österreich akkreditierten Botschafterinnen und Botschafter sowie Vertreter internationaler Organisationen. Neben dem Apostolischen Nuntius als Doyen des Diplomatischen Corps nahmen unter anderem Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, Staatssekretär Josef Schellhorn und der Generalsekretär des Außenministeriums, Botschafter Nikolaus Marschik, an der Veranstaltung teil.
Quelle: kathpress