
Straßenkinder: Probleme heute weniger sichtbar, aber komplexer
Auf sich verändernde Lebensrealitäten von Straßenkindern hat P. Rafael Bejarano Rivera, der weltweit für Jugendpastoral der Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos zuständig ist, hingewiesen. Das klassische Bild von Kindern, die dauerhaft auf der Straße leben, treffe heute nur noch in Teilen Afrikas und Asiens zu, kaum jedoch mehr in Südamerika, sagte Bejarano im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress in Wien im Vorfeld des "Tags der Straßenkinder" am 31. Jänner. "Die Situation ist heute grundlegend anders als noch vor 15 Jahren", betonte der Ordensmann, der derzeit auf Einladung des Hilfswerks "Jugend Eine Welt" in Österreich zu Gast ist. Die Problematik sei weniger sichtbar, zugleich aber komplexer geworden.
In Ländern wie seiner Heimat Kolumbien sei das Phänomen historisch eng mit Landflucht und jahrzehntelanger innerer Gewalt verbunden gewesen. Früher hätten Kinder und Jugendliche tatsächlich unter Brücken oder in Kanalschächten gelebt, durch Betteln oder Kleinkriminalität überlebt und bei der Bevölkerung Angst ausgelöst. Heute spreche man bewusst von "Kindern in Straßensituationen". "Viele von ihnen haben noch ein Zuhause, leben aber faktisch ohne elterliche Begleitung", erklärte Bejarano. Der soziale Konflikt habe sich durch die zunehmende Bedeutung organisierter krimineller Strukturen verschärft.
Der Einstieg in Gewalt und Ausbeutung erfolge oft über den Mikrodrogenhandel. "Diese Gruppen bieten scheinbaren Schutz, binden die jungen Menschen aber schrittweise in organisierte Kriminalität ein", erklärte Bejarano. Eng damit verbunden seien Prostitution, Missbrauch und Suchterkrankungen. Jugendliche würden gezielt angeworben, da sie als Minderjährige ein geringeres strafrechtliches Risiko für kriminelle Organisationen darstellten. Ähnliche Entwicklungen beobachte man nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in Afrika, Asien und im Nahen Osten.
Weltweit wird die Zahl der Straßenkinder auf bis zu 150 Millionen geschätzt, verlässliche Zahlen gebe es jedoch nicht, betonte Bejarano. Viele seien nie offiziell registriert, besäßen keine Geburtsurkunde und hätten keinen Zugang zu Bildung oder Gesundheitsversorgung. "Diese Kinder bleiben oft unsichtbar, obwohl sie enormen Risiken ausgesetzt sind." Gerade diese Unsichtbarkeit erschwere gezielte Hilfe.
"Hoffnung organisieren"
In der Arbeit mit betroffenen Kindern setzen die Salesianer Don Boscos auf langfristige Begleitung und die Rückbindung an familiäre und soziale Strukturen. "Unser Ziel ist nicht äußerer Erfolg, sondern die Wiederherstellung menschlicher Beziehungen", so Bejarano. Ein junger Mensch solle wieder Teil einer Familie und der Gesellschaft werden können. Jeder Jugendliche erhalte einen individuellen Betreuungsplan, der Bildung, Gesundheitsversorgung, psychosoziale Unterstützung und berufliche Perspektiven umfasst.
Die konkrete pädagogische Arbeit erfolgt oft über niederschwellige Angebote in Salesianer-Jugendzentren, den sogenannten "Oratorien": Fußball, Musik, Tanz, Bastelangebote oder Feriencamps schaffen Vertrauen und stabile Beziehungen. "Wir nutzen Dinge, die den Kindern Freude machen, um Zugang zu ihrer Lebenswelt zu erhalten", erklärte Bejarano. So werden die Jugendlichen Schritt für Schritt in Bildungs- und Unterstützungsprogramme eingebunden.
Hoffnung dürfe kein abstrakter Begriff bleiben, betonte Bejarano, sondern müsse in konkreten Bildungswegen, realistischen Zielen und tragfähigen Netzwerken aus Familie, Schule, Staat und Zivilgesellschaft greifbar werden. Bildung verstehe man auch als Beitrag zum Frieden: "Frieden entsteht dort, wo Menschen Würde, Gerechtigkeit und Zukunftsperspektiven erfahren."
Lobbyarbeit für die Jugend
Die Pädagogik der Salesianer Don Boscos wird heute in 138 Ländern angewandt, auch außerhalb christlicher Kontexte. Bejarano, Mitglied des Generalrats in Rom und oberster Verantwortlicher für die weltweiten Bildungs- und Sozialprojekte der Ordensgemeinschaft, betont die internationale Dimension: "Wir bringen unsere Erfahrungen in globale Foren ein, sind bei der UNO akkreditiert und tragen zu Berichten über Kinderrechte, Jugendpolitik und Bildung bei."
Die Arbeit umfasst neben direkter Begleitung Programme zur Bewusstseinsbildung, Bildungs- und Berufsausbildung sowie Kooperationen mit internationalen Partnern - konkret bei den Projekten in Kolumbien etwa österreichische Unternehmen, die österreichische Botschaft in Kolumbien und junge Freiwillige des Programms "Volontariat bewegt" sowie mit Don Bosco Mission Austria und Jugend Eine Welt.
Anlass für Bejaranos Besuch in Österreich ist der von Jugend Eine Welt organisierte "Tag der Straßenkinder", der jährlich am Gedenktag des Ordensgründers Johannes Bosco (31. Jänner) begangen wird. In Pfarren, Schulen und bei öffentlichen Veranstaltungen berichtet er aus erster Hand über die Lebensrealitäten von Kindern in Straßensituationen und globale Herausforderungen. "Kinder in Straßensituationen brauchen Schutz, Rechte und echte Zukunftschancen", so das Credo des obersten Salesianer-Jugendseelsorgers. (Infos: www.tagderstrassenkinder.at)
Quelle: kathpress