
Fertilitätskrise: Experten warnen vor Wissenslücken über Fruchtbarkeit
Angesichts historisch niedriger Geburtenraten auch in Österreich rückt das Wissen über Fruchtbarkeit zunehmend in den Fokus von Medizin und Politik. Die Gesamtfertilitätsrate lag hierzulande 2024 laut Statistik Austria bei 1,31 Kindern pro Frau und damit deutlich unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich in vielen Industrienationen. Das Wiener Ethikinstitut IMABE weist auf erhebliche Wissensdefizite hin, die eine kürzlich im Fachjournal "Reproductive Health" veröffentlichte Untersuchung festgestellt habe.
In die vom britischen Unternehmen Hertility Health erstellte retrospektive Analyse flossen Daten von 97.414 Frauen ein, die zwischen 2020 und 2025 versuchten, schwanger zu werden. 13,4 Prozent der Befragten wussten demnach nicht, wann ihre fruchtbaren Tage liegen, 27,6 Prozent waren unsicher. Insgesamt kannten damit 41 Prozent ihr sogenanntes Fruchtbarkeitsfenster nicht. Auch grundlegende Kenntnisse über einen regulären Zyklus fehlten häufig.
Die Studienautorinnen sehen darin einen Faktor, der die Zeit bis zu einer Schwangerschaft verlängern kann. Fehlendes Wissen über Eisprung und Zyklus erschwere die gezielte Empfängnis und könne dazu führen, dass Paare medizinisch unterstützte Verfahren in Anspruch nähmen, obwohl keine diagnostizierte Unfruchtbarkeit vorliege. Eine bessere reproduktive Bildung könne die Abhängigkeit von assistierten Verfahren verringern und eine selbstbestimmte Familienplanung stärken.
Umwelteinflüsse spielen mit
Was die Fruchtbarkeit betrifft, sind laut IMABE jedoch neben Bildungsdefiziten auch biologische Faktoren zu beachten. Eine 2025 in "Fertility and Sterility" publizierte dänische Studie kommt zu dem Schluss, dass die natürliche Empfängnisfähigkeit - die sogenannte Fekundität - bei Männern und Frauen über Generationen hinweg abnimmt. Als Indikator dient die "Comprehensive Unassisted Pregnancy Rate" (CUPR), die alle natürlichen Schwangerschaften im Lebensverlauf erfasst. Die Ergebnisse sprechen gegen eine reine Verschiebung des Kinderwunsches in höhere Altersgruppen.
Als mögliche Ursachen nennen die Forschenden unter anderem hormonell wirksame Umweltchemikalien. Menschen seien einer Vielzahl synthetischer Stoffe aus Kunststoffen, Pestiziden und fossilen Brennstoffen ausgesetzt. Der kombinierte "Cocktail-Effekt" sogenannter endokriner Disruptoren könne die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen. Bei Männern sei ein Rückgang von Spermienqualität und -konzentration dokumentiert.
Keine Generallösung ist nach der Darstellung des Ethikinstituts künstliche Befruchtung, die in vielen Ländern zunimmt. Deren Erfolgsraten seien altersabhängig und begrenzt. IMABE verweist dabei auf Angaben des deutschen IVF-Registers, wonach die sogenannte "Baby-take-home-Rate" pro Embryotransfer bei 35-jährigen Frauen bei 26 Prozent, bei 40-Jährigen bei 15 Prozent und bei 44-Jährigen nur noch bei 3,2 Prozent liegt. Auch die gesundheitlichen Belastungen und Kosten der Behandlungen dürften nicht übersehen werden.
Auch gesundheitspolitisch relevant
Insgesamt hat die Fertilitätskrise in den Industrienationen durch sinkende Geburtenraten, spätere Familiengründung und mögliche Umweltbelastungen laut der IMABE-Analyse außer sozioökonomischen auch andere Gründe. Sie sei kein bloßes soziologisches Phänomen, sondern ein medizinisches und auch gesundheitspolitisches Problem.
Diesbezüglich erwähnte das Institut die kürzlich von Familienministerin Claudia Bauer (ÖVP) erhobene Forderung nach stärkerer Berücksichtigung des Themas Fruchtbarkeit im Schulunterricht. Jugendliche würden bislang vor allem über Verhütung informiert, das Wissen über den eigenen Zyklus und die fruchtbaren Phasen sowie die Betonung des Positiven an der Familienplanung komme zu kurz, so die Ministerin am 31. Jänner auf dem Radiosender Ö1. Gerade das Wissen über den eigenen Körper und die fruchtbaren Phasen im Zyklus könnte vielen Frauen helfen, ihre Familienplanung selbstbestimmt zu gestalten, bevor biologische und umweltbedingte Faktoren die natürliche Empfängnis zusätzlich erschweren.
Quelle: kathpress