
Gefängnisseelsorger: Hilfen für Angehörige von Inhaftierten nötig
Mehr Unterstützungsangebote für Familienmitglieder von Inhaftierten hat der katholische Gefängnisseelsorger Jonathan Werner gefordert. Die Angehörigen seien ein blinder Fleck im System, sagte er der "Presse" (Sonntag), es bräuchte eine Art Krisenintervention. "Ein Verwandter wird verhaftet, und du weißt nicht, wie es weitergeht. Nicht nur emotional, finanziell und organisatorisch." Schwer wiege auch die gesellschaftliche Stigmatisierung, würden doch Betroffene etwa oft von Nachbarn gemieden, weil der Mann verhaftet wurde. "Aber was kann die Familie dafür, dass der Mann krumme Dinge gemacht hat?", fragte der Theologe.
Werner beobachtet vor allem Frauen mit Kindern im Besuchergang der Justizanstalt Josefstadt, wo er die Seelsorge leitet, manchmal weinend, er setze sich manchmal auch dazu oder werde von den Menschen angesprochen. Für die Kinder hat Werner eine eigene Initiative gestartet: Jedes Kind, das einen Verwandten in der Haft besucht, erhält einen Teddybären. Die Aktion soll Trost spenden und gleichzeitig das Bewusstsein für die Angehörigen und ihr Leid unter der Straftat schärfen.
Die Seelsorge für Inhaftierte selbst ist in Österreich bewusst nicht missionarisch ausgerichtet. Die Initiative gehe in der Regel von den Gefängnisinsassen aus; jeder von ihnen hat ein Recht auf Seelsorge, unabhängig von Konfession oder persönlichem Glauben. "Will der Häftling davon Gebrauch machen, stellt er einen Antrag und kann entscheiden, mit wem er reden will", so Werner.
Wie der Gefangenenseelsorger betonte, bemühe er sich darum, seinem Gegenüber vorurteilsfrei zu begegnen und es nicht auf seine Taten zu reduzieren. "Ich spreche nicht von Mördern. Sondern von Menschen, die einen Mord begangen haben. Das ist ein großer, großer Unterschied." Meistens vergehen zwei oder drei Treffen, "bevor ich überhaupt in den Akt schaue".
Die Gespräche sollen Orientierung geben und die Resozialisierung unterstützen: "Wir wollen den Menschen dazu verhelfen, dass sie den Mut haben, wieder Fragen zu stellen: 'Wie kann es weitergehen, wenn ich entlassen werde? Habe ich noch das Recht, Wünsche zu äußern, angesichts dessen, dass ich jemanden umgebracht habe?'", erklärt der Seelsorger.
In Österreich gibt es sieben Planstellen für katholische Gefängnisseelsorger, vor allem in großen Justizanstalten wie Josefstadt, Garsten oder Karlau. Alle anderen Einrichtungen werden von ehren- oder nebenamtlichen Seelsorgerinnen und Seelsorgern betreut. Werner und sein Team führen jährlich rund 10.000 Gespräche und feiern regelmäßig Gottesdienste, um Begegnungsräume und Reflexion innerhalb der Haft zu ermöglichen. Groß geschrieben wird dabei die ökumenische Zusammenarbeit: "Die wenigsten Fragen in der Begegnung mit uns sind spezifisch katholisch oder spezifisch evangelisch", so Werner.
Quelle: kathpress