
Ausstellung im Stephansdom gestartet: Arnulf Rainers Kreuze im Dialog
Mit einer feierlichen, prominent besetzten Eröffnung im vollen Wiener Stephansdom hat am Dienstagabend die Ausstellung "Das Kreuz als Zeichen, das bleibt" begonnen. Während der Fastenzeit und danach noch bis 7. Juni sind erstmals die wichtigsten Kreuzarbeiten des im Dezember verstorbenen Künstlers Arnulf Rainer zu sehen. Gezeigt werden sieben große Werke in Kreuzform auf Holz sowie 70 Kaltnadelradierungen aus den Jahren 1956 bis 2014. Die vom Wiener Domkapitel und der Sammlung Trenker getragene Schau war im Vorfeld Gegenstand öffentlicher Diskussionen über Fragen der Deutung der Werke und auch einer Verweigerung des Künstlers gegenüber der Ausstellung im Dom, die auch bei der Eröffnung mehrmals zur Sprache kamen.
Auch wenn sich Rainer stets gegen religiöse Vereinnahmung gewehrt habe, "behaupte ich: Seine Kreuzarbeiten gehören nicht nur ins Museum, sondern auch den Sakralraum und jetzt in der Fastenzeit auch in den Stephansdom. Wir brauchen seine Kreuzbilder, denn sie haben uns viel zu sagen", betonte der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl in seiner Ansprache. Die Stephansdom-Besucher sollten durch die Betrachtung und Auseinandersetzung mit Rainers Kreuzen "verändert werden: nachdenklicher und aufmerksamer für das Kreuz, wachsamer im Blick auf das Leid und den Tod, gestärkt in der Solidarität mit Leidenden, gefestigt in österlicher Hoffnung", so Grünwidl. Von der Kunst bleibe letztlich nur die Veränderung ihrer Betrachter, zitierte er einen Ausspruch Robert Musils. Um Veränderung gehe es auch in der Fastenzeit.
Der Erzbischof kam auch noch detaillierter auf Rainers Zugang zu Religion und Glaube zu sprechen. Der Ausnahmekünstler habe sich einmal als "Nichts- und Allesgläubiger" bezeichnet, ohne sich auf einen theologischen Standpunkt festlegen zu lassen. "Sein Credo als Mensch und Künstler war die permanente Suche", wovon auch die 77 im Dom ausgestellten Kreuzarbeiten zeugten. Das Kreuz sei "Gerüst, Schema, Grundfigur und strenger, vorgegebener Rahmen" vieler seiner Bilder gewesen. In einem 1980 erschienenen Interviewbuch habe der Künstler auf die ihm gestellte Frage "Wenn sie vor dem lieben Gott stehen, und der liebe Gott sagt: Rainer, was hast du gemacht in deinem Leben? Drücke es in Worten aus..." geantwortet: "Da werd ich sagen: In Worten, was heißt, in Worten, lieber Gott. Wenn du so kleinlich bist und an Worten hängst, dann lass ich es bleiben." Grünwidl dazu: "Ich bin überzeugt: Gott ist nicht kleinlich, er hat sich wortlos mit dem Künstler gut verständigt, auch über seine Bilder und Kunstwerke." Das Kreuz, zuvor von ihm oft dunkel übermalt, sehe Rainer nun leuchtend hell, "im Licht von Ostern".
Stocker: Kreuz vieldeutiges Symbol
Den offiziellen Eröffnungsakt setzte Bundeskanzler Christian Stocker. Er stellte die Frage nach der Wirkung des Kreuzes in den Mittelpunkt. Für viele sei es "in vielerlei Hinsicht ein verbindendes Symbol", das die "vertikale Verbindung zu Gott" ebenso ausdrücke wie die horizontale zu den Menschen. Zugleich reiche seine Bedeutung über das Christentum hinaus; manche deuteten es als Zeichen, in dem "alle vier Himmelsrichtungen" zusammenlaufen. Mit Blick auf die im Vorfeld geführten Kontroversen betonte der Kanzler, ausschlaggebend sei die persönliche Auseinandersetzung: "Welche Wirkung die Ausstellung hat, muss jeder selbst beantworten." Er wünsche der Schau zahlreiche Besucher, die "die Bedeutung des Kreuzes als Zeichen, das bleibt, für sich finden".
Dompfarrer Toni Faber verwies auf den geistlichen Rahmen der Präsentation unmittelbar vor Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch und dankte den Leihgebern, Kuratoren und Verantwortlichen im Dom für die Umsetzung. Mit Blick auf die Debatte um eine mögliche Vereinnahmung des Künstlers stellte er klar: "Keine Vereinnahmung dieser Kreuze steht uns an." Vielmehr gehe es darum, "in der breiten christlichen Tradition ins Gespräch zu kommen mit all dem anderen". Die Ausstellung im Dom solle ein offener Raum sein, in dem unterschiedliche Zugänge zu Kunst und Glaube nebeneinanderstehen könnten.
Herausforderung statt Gefälligkeit
Sammler und Leihgeber Werner Trenker würdigte Arnulf Rainer als international anerkannten Vertreter der österreichischen Nachkriegsavantgarde, dessen Werke unter anderem im Guggenheim Museum gezeigt wurden. Erstmals würden nun alle 70 Kaltnadelradierungen in Kreuzform geschlossen präsentiert. Rainers Werk verweigere sich "der Gefälligkeit und sucht stattdessen die Herausforderung", sagte Trenker. Zugleich betonte er seinen "tiefsten Respekt vor dem Künstler und seinem Werk". Die Ausstellung mache sichtbar, dass das Kreuz auch als kulturelles Zeichen gesellschaftliche Fragen nach Würde, Verantwortung und Zusammenhalt berühre.
Der Jesuit Gustav Schörghofer ordnete die Arbeiten kunstgeschichtlich und geistlich ein. Anhand einer frühen Kreuzzeichnung aus den 1950er-Jahren beschrieb er die Verdichtung dunkler Linien zu einer kreuzförmigen Gestalt. Mit zunehmender Überlagerung werde der helle Bildgrund als eigener Raum erfahrbar. Kunst sei dabei nicht mit Andachtskunst gleichzusetzen, sondern eröffne eine existenzielle Dimension. In Erinnerung an ein Wort des Theologen Karl Rahners sagte der Priester und Kunsthistoriker: "Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein oder er wird nicht mehr sein." Mit einem Zitat Robert Musils stellte er die Frage: "Kann man denn aus seinem Raum hinaus in einen verborgenen zweiten?" Die Kreuzarbeiten Rainers deutete Schörghofer als Hinweis auf einen solchen "zweiten Raum", der sich im Prozess der Auseinandersetzung eröffnen könne.
Die Feier fand im Beisein zahlreicher Vertreter aus Politik, Kirche und Kultur sowie eines großen Medienaufgebots statt. Umrahmt wurde die Eröffnung von Orgelmusik, darunter eine Improvisation über das Kirchenlied "Heiliges Kreuz sei hochverehret". Unter den Gästen befand sich auch der deutsche Jesuit und ausgewiesene Rainer-Experte Friedhelm Mennekes, der die Ausstellung kuratorisch und theologisch begleitet. Mennekes hat sich über Jahrzehnte mit Rainers Werk auseinandergesetzt und mehrere Publikationen im Dialog mit dem Künstler vorgelegt.
Kein Kirchenmaler
Arnulf Rainer, 1929 in Baden bei Wien geboren und am 18. Dezember 2025 im Alter von 96 Jahren verstorben, gilt als einer der bedeutendsten österreichischen Künstler nach 1945. Internationale Bekanntheit erlangte er vor allem durch seine Übermalungen und experimentellen grafischen Arbeiten, darunter auch die Kreuzdarstellungen. Rainer war mehrfach in kirchlichen Kontexten präsent, ohne sich als Kirchenmaler zu verstehen. Seine Arbeiten kreisen um Themen wie Auslöschung, Verdichtung und existenzielle Grenzerfahrung und wurden mit zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen gewürdigt.
Quelle: kathpress