
Grünwidl: "Wenn Glaube exklusivistisch wird, schrillen Alarmglocken"
"Wenn der Glaube exklusivistisch wird, schrillen bei mir die Alarmglocken. Das widerspricht für mich dem katholischen Prinzip und dem Verständnis von Katholizität": Der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl hat im Interview mit der Wochenzeitung "Die Furche" (Ausgabe 8/2026) vor religiösem Elitedenken, christlichem Integralismus und einer politischer Instrumentalisierung religiöser Symbole gewarnt. Ein Christentum, das auf Mehrheiten und politische Durchsetzung setze "damit wir Christsein sozusagen verordnen können, widerspricht dem christlichen Glauben und dem Freiheitsgedanken diametral", betonte der am 24. Jänner ins Amt eingeführte Erzbischof.
Deutlich positionierte sich Grünwidl auch gegen Versuche parteipolitischer Instrumentalisierung. "Dort, wo christliche Symbole, zum Beispiel das Kreuz, oder wo Zitate aus der Bibel verwendet werden, um zu spalten oder Gräben aufzureißen, wird eine Grenze überschritten", sagte er. Das widerspreche "fundamental dem, was das Christentum eigentlich will". Die Bischofskonferenz verwahre sich klar gegen eine solche Vereinnahmung, "die ein Missbrauch von Religion" darstelle.
Mit Blick auf Entwicklungen in den USA, wo der politische Einfluss von Christen "bis hin zu integralistischen Gruppen, die eine christliche Nation anstreben", reiche, äußerte Grünwidl die Vermutung, "es gibt in Österreich solche Gruppen, die vielleicht auch ganz gezielt von den USA unterstützt werden". Dem Prinzip "Wir brauchen die Mehrheit und die Macht, dann können wir das Christentum durchsetzen" hielt der Erzbischof entgegen: "Im Evangelium geht es nicht um Mehrheit und nicht um Macht, sondern um Salz der Erde und Licht der Welt. Und deswegen finde ich den Ansatz, schon die Grundidee des Integralismus oder auch diesen religiösen, politischen Messianismus gefährlich." Es gelte hier: "Wehret den Anfängen."
Gefragt nach dem richtigen Umgang mit Vertretern eines "Integralismus" bzw. integralistischen Gruppen meinte Grünwidl, der erste Schritt sollte "immer das Gespräch, der Dialog sein, auch mit Menschen, die anders denken. Es muss natürlich aber auch um das Abstecken klarer Positionen gehen."
Einheit mit dem Papst als Maßstab
Innerkirchlich betonte Grünwidl die Bedeutung der Einheit mit dem Papst. Zur Piusbruderschaft erklärte er: "Im Falle der Piusbrüder geht es ganz konkret um die Einheit mit dem Papst. Wenn sie sagen, sie erkennen das Zweite Vatikanische Konzil nicht an, dann gibt es eben auch mit der Einheit in der Kirche Probleme." Konzilien definierten Standpunkte und Lehre; "wer in der Kirche und in Verbindung mit dem Papst leben will, muss das akzeptieren".
Einen Bruch mit der 1970 von Erzbischof Marcel Lefebvre gegründeten Priesterbruderschaft St. Pius X. wünsche er sich nicht, sagte Grünwidl; es sei auch Papst Leos Anliegen, "nichts unversucht zu lassen, um auch mit Gruppen, mit denen es schwierig ist, im Gespräch zu bleiben. Das kann natürlich dazu führen, dass irgendwann Grenzen überschritten sind, die der Papst nicht mehr akzeptieren kann."
Keine "Elite-Christen"
Vor Verengung warnte Grünwidl auch in Bezug auf charismatische Bewegungen. So könnten neue Gemeinschaften zwar lebendige Formen des Glaubens bieten, aber auch exklusivistische Tendenzen; "da müssen wir genau hinschauen, dass Menschen nicht abhängig gemacht und Grenzen nicht überschritten werden". Und weiter: "Ich halte nichts von einem Elite-Christentum und auch nichts davon, dass wir uns gegenseitig den Glauben absprechen oder uns auf die Schultern klopfen und sagen: Wir sind die wahren oder einzig wahren Christinnen und Christen." Der Auftrag der Kirche bestünde darin, Menschen möglichst barrierefrei einzuladen und die Botschaft des Evangeliums glaubwürdig zu verkünden. Letztlich müssten "die Menschen selbst entscheiden, in welcher Nähe oder Distanz sie zu uns leben wollen".
Europäischer, österreichischer Islam
Im Verhältnis zum Islam plädierte der Erzbischof für Differenzierung: So sei die Gruppe radikaler und fanatischer Muslime sehr klein - "aber umso integrationsresistenter" - gleichzeitig bemühe sich der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft, Ümit Vural, um einen "europäischen, einen österreichischen Islam", der mit Demokratie, Menschenrechten und Religionsfreiheit vereinbar ist, so Grünwidl. Positiv hob er die Gespräche unter den großen Religionsgemeinschaften hervor, die sich für ein gutes Miteinander engagierten.
"Grundsätzlich ist der Islam natürlich eine Religion, die in die Öffentlichkeit drängt. Aber das ist jede Religion", so der Erzbischof. Sein eigener Glaube sei "ganz persönlich", aber "nicht privat". Zugleich wünsche er sich, "dass auch wir Christen ein bisschen selbstbewusster auftreten und uns nicht in die Ecke drängen lassen".
Radikalisierung im Netz
Radikalisierungstendenzen bemerkte Grünwidl aber nicht nur im Islam, sondern auch im Christentum, etwa durch Influencer in sozialen Medien: "Das ist eine Realität, die wir nicht mehr wegbekommen, und ich denke schon, dass wir deswegen viele Probleme haben, nicht nur bei Christen, sondern auch bei anderen Religionen. Wenn es sehr einseitig wird oder in eine fanatische Richtung geht, wird das problematisch." Die Kirche versuche, dem entgegenzuwirken und selbst in den sozialen Medien präsent zu sein. Aber, so der Erzbischof: "Das gelingt uns nicht immer so, wie wir das gerne hätten."
Quelle: kathpress