
Wenn die Sirene den Trauerzug ankündigt
Wenn in Nowa Uschyzja die Sirene ertönt, wissen die Menschen, was sie bedeutet. Seit vier Jahren gehört das durchdringende Heulen zum Alltag in der ganzen Ukraine. Meist kündigt es Raketen- oder Drohnenangriffe an oder das Ende eines Luftalarms. Die Menschen haben gelernt, die Signale zu unterscheiden. Doch wenn der langsame, langgezogene Ton einer Fahrzeugsirene durch die Straßen hallt, ist klar: Ein gefallener Soldat kehrt heim.
Dann wird die Arbeit unterbrochen, Kinder verlassen die Schule, Bewohner treten aus Häusern und Geschäften und bilden ein Spalier entlang der Straße. Blumen werden auf den Asphalt gelegt, viele bekreuzigen sich, alles kniet nieder, wenn der Trauerzug vorbeifährt. 130 Soldaten hat die Ortschaft mit ihren rund 5.000 Einwohnern seit Beginn des großangelegten russischen Angriffs verloren, weitere fast 80 gelten als vermisst. Hunderte Familien trauern um Söhne, Väter, Brüder, Enkel. Dörfer wie dieses gibt es in der Ukraine tausendfach.
Anlässlich des vierten Jahrestags des russischen Großangriffs am 24. Februar schildert der polnische Steyler Missionar P. Jozef Gwozdz im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress, wie sich der Krieg in das Leben eines Dorfes eingeschrieben hat - auch fernab der Front, der Einschläge und der Großstädte mit ihrem täglichen Überlebenskampf. Nowa Uschyzja liegt in der Oblast Chmelnyzkyj, auf halbem Weg zwischen Lemberg und Kiew, rund 800 Kilometer von den aktuellen Kampflinien entfernt.
Als Freiwilliger im Krieg
Eine Ukraine im Frieden kennt der 54-jährige Ordensmann nicht. Seit Ende 2022 lebt und wirkt er dort. Nach dem tragischen Tod seines Vorgängers übernahm er die verwaisten Pfarren. Zuvor hatte Gwozdz zwei Jahrzehnte in Nicaragua und Panama gearbeitet, an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom promoviert und ein halbes Jahr lang Kriegsflüchtlinge in Polen betreut. Für den Einsatz in der Ukraine meldete er sich freiwillig. Seine Aufgabe beschreibt der Geistliche schlicht: bei den Menschen sein, die Sakramente spenden, das geistliche Leben stärken und Gemeinschaft stiften.

Der Krieg ist auch in Nowa Uschyzja allgegenwärtig. "Raketen und Drohnen überfliegen immer wieder unsere Stadt und die umliegenden Dörfer, auch nachts", berichtet Gwozdz. Luftalarm werde ausgelöst, obwohl die Geschosse meist größere Städte zum Ziel hätten. In Schulen sei es verpflichtend, Schutzräume aufzusuchen, viele Bewohner suchten in Kellern Zuflucht. Mehrfach seien abgefangene Raketen in der Nähe niedergegangen, ohne größere Schäden zu verursachen. Die Anspannung bleibe dennoch.
Dorf ohne Männer
Gleich auf den ersten Blick falle auf, dass im Dorf die Männer fehlen. Die meisten kämpfen an der Front, manche hatten das Land bereits vor dem Krieg aus wirtschaftlichen Gründen verlassen. "Es gibt bei uns fast nur Frauen", sagt Gwozdz. In vielen handwerklichen Berufen fehlen Fachkräfte; zahlreiche Aufgaben des Alltags lasten nun auf Frauen und älteren Menschen. Auch in der Pfarre erledigt der Ordensmann Reparaturen selbst.
In Nowa Uschyzja ist die Mehrheit der Bevölkerung orthodox, teils der Kirche mit Bindung an Moskau, teils der eigenständigen ukrainischen Kirche zugehörig, zu der seit Kriegsbeginn viele wechselten. Eine kleinere Gruppe gehört der griechisch-katholischen Kirche an. Zudem gibt es eine römisch-katholische Gemeinde, die etwa zehn Prozent der Gesamtbevölkerung umfasst. Von diesen besuchen derzeit nur rund 100 Gläubige regelmäßig die Sonntagsmesse; viele katholische Familien sind während des Krieges ins Ausland gegangen, um Schutz zu suchen. Gwozdz betreut neben seiner Pfarre zwei weitere Landgemeinden im Umkreis von etwa 30 Kilometern, in denen vor allem ältere Menschen leben, da die jüngeren meist weggezogen sind, um anderswo nach Arbeit und Sicherheit zu suchen.
Invalide und Gefallene
Allgegenwärtig ist in nahezu jeder Familie die Sorge um Söhne, Brüder, Ehegatten und Väter, verbunden mit der ständigen Angst vor dem Schlimmstmöglichen. 130 Gefallene und zahlreiche Vermisste hat die Ortschaft bislang zu beklagen, von 80 weiteren Vermissten fehlt bisher jede Nachricht.

Zunehmend kehren Verwundete zurück, Männer ohne Arme oder Beine oder mit schweren psychischen Belastungen. Viele leiden unter ausgeprägten posttraumatischen Belastungsstörungen infolge ihrer Kriegserfahrungen. Angesichts der großen Zahl Betroffener sei es immer schwieriger, professionelle Therapie oder medizinische Hilfe zu erhalten. Manche lehnten eine notwendige Behandlung ab und versuchten, ihren Schmerz mit Alkohol zu betäuben. Nach zwei Jahren Dienst erhielten viele Soldaten erstmals einige Tage Heimaturlaub; oft hätten sie Mühe, sich wieder in das zivile Leben einzufinden. "Sie sagen, die Welt versteht sie nicht", berichtet der Priester.
Am schwersten sind für Gwozdz die Beerdigungen. Wird ein Gefallener ins Dorf gebracht, verbreitet sich die Nachricht rasch über soziale Medien. Ertönt die Sirene des Begleitfahrzeugs, ruhen Arbeit und Unterricht, alles bewegt sich zur Hauptstraße. "Das ganze Dorf weint", schildert der Priester. Die Begräbnisse seien Massenereignisse, an denen sich die gesamte Ortschaft beteilige; konfessionelle Grenzen spielten in diesen Momenten keine Rolle mehr. Seine Aufgabe sehe er vor allem im Dasein. "Es ist schwierig zu reden. Ich kann diesen Menschen nur nahe sein und mit ihnen weinen." Zugleich spreche er von der christlichen Hoffnung, dass Tod, Bosheit und Hass nicht das letzte Wort hätten.
Krieg in den Familien
Der Krieg hat auch familiäre Beziehungen verändert. Jahrzehntelang bestanden enge Verbindungen nach Russland; viele Familien sind gemischt. "Der Krieg hat einen Keil hineingetrieben", sagt der Geistliche. Manche Angehörige sprechen nicht mehr miteinander, weil Verwandte in Russland den Berichten aus der Ukraine keinen Glauben schenken. Zugleich leben viele Dorfbewohner inzwischen in Polen, Deutschland, Österreich oder anderen europäischen Ländern. Sie hätten dort Arbeit gefunden, die Kinder gingen zur Schule, doch das Heimweh bleibe groß, weiß Gwozdz, der weiter mit vielen von ihnen Kontakt hält. Männer im wehrfähigen Alter dürfen das Land nicht verlassen; Frauen und Kinder hingegen gehen häufig ins Ausland. Die erzwungene Trennung belastet zahlreiche Beziehungen zusätzlich.
Das anhaltende Leid mache die Menschen erschöpft und verzweifelt, sagt der Priester. Die Zahl der Gefallenen steige weiter, eine Lösung des Krieges sei nicht in Sicht. Der lange, harte Winter verschärfe die Lage, denn infolge der russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur gebe es auch im Dorf oft nur stundenweise Strom. Ein benzinbetriebener Stromgenerator - jener der Pfarre ist ein Geschenk des Vatikans - halte die Heizungs- und Wasserpumpen bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius in Betrieb. "Wir schlagen uns irgendwie durch", sagt der Priester mit dem Hinweis, dass die Lage in vielen Städten noch schwieriger sei. Bei aller Not erlebe er jedoch auch viel Großherzigkeit. Menschen teilten das Wenige, das sie hätten, trösteten einander und versuchten, Hoffnung zu bewahren.
Vom Ausland aus könne man durch Gebet, Fasten und Almosen helfen, sagte der Steyler Missionar am Wochenende bei einem vom Verein Johannes Paul II. organisierten Kurzbesuch in Wien, wo er unter anderem in der spanischsprachigen Gemeinde in der Karmeliterkirche, in der Pfarre Aspern und im Stift Heiligenkreuz Gottesdienste feierte und von seinen Erfahrungen berichtete. Wichtig sei, nicht in Gleichgültigkeit zu verfallen, sondern daran zu erinnern, "dass unser Bruder leidet, und zu helfen, wo es möglich ist". Die Ukraine brauche jede Form der Unterstützung, ob geistlich oder materiell. "Die Solidarität gibt uns Hoffnung."
Quelle: Kathpress