
Religionssoziologin sieht Globalisierung moralpolitischer Konflikte
Moralpolitische Debatten rund um Abtreibung, Familie oder Religionsfreiheit werden zunehmend im Rahmen sogenannter "global culture wars" (dt. globaler Kulturkämpfe) ausgetragen: Darauf hat die Religionssoziologin Kristina Stoeckl am Montag bei der Deutsch-Österreichischen Kirchenrechtstagung in Wien hingewiesen. "Religion erscheint dann weniger als komplexe Glaubens- und Lebensform, sondern als identitätspolitisches Erkennungszeichen", so die in Rom lehrende Wissenschaftlerin. Argumente, Kampagnen und Strategien würden dabei international zirkulieren und lokal adaptiert. Andere zentrale Inhalte des Christentums, etwa soziale Fragen oder Armutsbekämpfung, fänden deutlich weniger Aufmerksamkeit, so Stoeckl.
Besonders gut würden moralpolitische Themen - wie der "Schutz des ungeborenen Lebens", die "traditionelle Familie" oder das Thema "Kruzifix in Schulen" sowie Gefährdungen religiöser Freiheit - mobilisieren. Ihnen gemeinsam sei ein hoher Wiedererkennungswert, der sie "zu Symbolen umfassender gesellschaftlicher Auseinandersetzungen" mache. Stoeckl bezeichnete sie daher als "moral ready-mades", also moralkonservative Fertigprodukte, die grenz- und konfessionsübergreifend eingesetzt werden könnten.
Die "moral ready-mades" hätten nicht nur hohen Wiedererkennungswert, sondern würden "zu Symbolen umfassender gesellschaftlicher Auseinandersetzungen", in denen sich "Erwartungen, Ängste und Identitätsvorstellungen weit über ihren ursprünglichen Gegenstand hinaus" verdichtet, so die Professorin an der Freien Internationale Universität für Soziale Studien (LUISS) in Rom.
Neue alte Debatte
Neu seien solche moralischen Konflikte nicht, betonte Stoeckl. "Auseinandersetzungen um Ehe, Familie oder Lebensschutz waren bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren von enormer gesellschaftlicher Sprengkraft." Neu sei der internationale Modus der culture wars, der "von neuen Akteuren sowie von transnationalen und transkonfessionellen Verflechtungen geprägt ist".
So würden Lobbyorganisationen, aktivistische Netzwerke, juristische Advocacy-Gruppen und zunehmend auch lose digitale Öffentlichkeiten beanspruchen, "besonders authentische oder entschiedene Vertreter religiöser Positionen" zu sein. Als Beispiele nannte sie christliche Influencer auf YouTube und anderen sozialen Medien oder Politiker, die dadurch mit den etablierten kirchlichen Autoritäten konkurrieren.
Kulturkämpfe
"Konflikte, die lokal entstehen, können so rasch Teil größerer transnationaler Auseinandersetzungen werden", erklärte Stoeckl. Dabei würden auch konfessionelle Unterschiede angesichts gemeinsamer kulturkämpferischer Bezugspunkte an Bedeutung verlieren. "Wie schnell auf diese Art und Weise transnationale und transkonfessionelle Resonanzräume entstehen, konnte man etwa an den Reaktionen auf die symbolisch aufgeladene Eröffnung der 2024 Summer Olympics beobachten. Deutungen verbreiteten sich innerhalb weniger Stunden über Länder- und Konfessionsgrenzen hinweg und werden in sehr unterschiedlichen Kontexten aufgegriffen, oft mit bemerkenswert ähnlichen Argumentationsmustern."
Zugleich habe sich der gesellschaftliche Rahmen verändert, in dem moralische Fragen verhandelt werden. "Was früher vorausgesetzt werden konnte, muss heute benannt, begründet und verteidigt werden", so Stoeckl.
Der Umbruch betreffe auch die Rolle kirchlicher Autorität. Neben institutionellen Stimmen träten zunehmend andere Akteure auf, die religiöse Positionen öffentlich vertreten, etwa politische Akteure oder Influencer. Dadurch entstehe eine Öffentlichkeit, in der unterschiedliche Stimmen gleichzeitig und oft ohne Bezug aufeinander auftreten. "Was in dieser Öffentlichkeit als religiöse Position wahrgenommen wird, bildet sich aus dem Aufeinandertreffen zahlreicher gleichzeitig präsenter, nicht selten kakophon wirkender Stimmen", sagte Stoeckl.
Stoeckl referierte im Rahmen der 14. Deutsch-Österreichische Kirchenrechtstagung, die unter dem Leitwort "Zukunft der Kirche in der säkularen Gesellschaft" bis 25. Februar in Wien stattfindet. Veranstaltet wird sie vom Institut für Kirchenrecht und Religionsrecht der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Quelle: Kathpress