
Kirchenhistoriker: "Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont"
Vom 23. bis zum 25. Februar tagte in Wien die "Gesellschaft für Konziliengeschichtsforschung". Der "Schirmherr" der Veranstaltung, der Wiener Kirchenhistoriker Prof. Thomas Prügl, erläutert gegenüber dem Wiener "Sonntag" die große Bedeutung der kleinen lokalkirchlichen Synoden, die heute weitgehend vergessen sind. Eine solche trat etwa 1858 in Wien zusammen. Prügl nahm aber auch zur Frage Stellung, inwieweit es mehr als 60 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht bald einmal ein weiteres brauche. Die klare Antwort: "Das dritte Vatikanum sehe ich nicht am Horizont."
Prügl begründet seine Einschätzung damit, dass die Erwartungen, die mit einem solchen erneuten Konzil verbunden sind, sehr stark von einer modernen europäischen Kirche getragen seien und in vielen anderen Teilen der Welt als nicht so dringend gesehen würden. "Umgekehrt nehmen wir Europäer in unserer Kirchenkrise nicht wahr, was die Realität der Kirche etwa in afrikanischen Ländern ist oder welche die Probleme der Kirche in südamerikanischen Ländern sind", so der Kirchenhistoriker.
Das Zweite Vatikanische Konzil (1962-65) habe "theologisch so viel mitgegeben, dass die Kirche in der Aneignung desselben noch sehr gut beschäftigt ist und davon noch sehr stark zehren könnte". Es brauche also nach wie vor "eine intensive Beschäftigung mit den Texten des Vatikanum II", zeigte sich der Kirchenhistoriker überzeugt.
Partikularkonzilien neu entdecken
Und für darüber hinaus Interessierte gebe es ja auch noch unzählige weitere Konzilien zu entdecken: Zusätzlich zu den großen 21 ökumenischen Konzilien habe es nämlich "eine Fülle von bedeutenden lokalkirchlichen Synoden gegeben - vom Beginn des Christentums bis in die neueste Zeit", so Prügl: "Man darf - ohne zu übertreiben - sagen, dass die wichtigen Ereignisse der Kirchengeschichte auf diesen kleineren Partikularkonzilien stattgefunden haben. Die großen Konzilien sind wie Eisberge, deren Spitzen herausragen. Aber die großen Zusammenhänge, derer sich die Kirchen in den Ortskirchen immer besinnen, die fanden auf den Partikularsynoden statt."
Bevor beispielsweise 325 das Konzil von Nizäa, das heute als erstes ökumenisches Konzil angesehen wird, zusammentrat, habe es eine Fülle von Synoden im christlichen Osten gegeben, "die wichtige Angelegenheiten geregelt haben, weil es die Institution des Reichskonzils noch nicht gab". Prügl: "Da wurden wichtige dogmatische Themen behandelt, etwa in Antiochien, wo es Beschlüsse zu trinitarischen Fragen gab. Im zweiten Jahrhundert setzten sich Synoden mit dem Osterdatum auseinander, weil man eine abweichende Praxis in Ost und West festgestellt hatte."
Darauf angesprochen, inwiefern Synoden zum Wesen der Kirche gehören, meinte der Historiker: "Ich gehe nicht so weit, zu sagen, dass der Herr Jesus Christus, der die Kirche gestiftet hat, gesagt hat: Ihr müsst regelmäßig Synoden feiern. Aber schon die Apostel in der Apostelgeschichte haben sich regelmäßig beraten und Entscheidungen getroffen. Diese wurden niemals sozusagen im Hinterzimmer ausverhandelt, sondern das geschah kollegial und mit Versammlungen, die auch später als solche dargestellt worden sind."
Das Provinzialkonzil in Wien 1858
Prügl kam schließlich auch auf das Wiener Provinzialkonzil von 1858 zu sprechen: "Das 19. Jahrhundert wird in der Kirchengeschichte gerne als das Jahrhundert des Ultramontanismus verstanden. Also als eine Haltung der katholischen Kirche, die sich gegenüber dem liberalen, modernen Staat abgrenzt, zur Wehr setzt und diese Behauptung des ursprünglich Katholischen hat man letztlich dem Papst und der Autorität des Papstes anvertraut und man schart sich hinter dem Papst."
Faktum sei zugleich, dass um die Mitte des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern wieder nach einer langen Zeit der Pause Provinzialkonzilien gefeiert wurden. Der Anlass dafür sei die Revolution von 1848 gewesen. Dazu kam, dass das Konzil von Trient (1545-1563) den Bischöfen aufgetragen hatte, regelmäßig in jeder Diözese Diözesansynoden und in jeder Kirchenprovinz Provinzialkonzilien zu feiern. In Wien sei hinzugekommen, so Prügl, "dass 1855 ein Konkordat abgeschlossen worden ist zwischen dem Kaiserreich Österreich und dem Apostolischen Stuhl". Der damalige Fürsterzbischof von Wien, Kardinal Joseph Othmar von Rauscher, habe dieses Konkordat zum Anlass genommen, um die neue Rolle der Kirche und die Freiheiten, die sich durch diese Regelungen des Konkordats ergeben haben, innerkirchlich zu sanktionieren.
Das Wiener Diözesankonzil von 1858 habe eine Reihe von Beschlüssen getroffen, "im Wortlaut gehen sie weithin auf Kardinal Rauscher zurück", so Prügl. Einen großen Teil nehmen etwa Bestimmungen zum Eherecht ein, weil durch das Konkordat von 1855 geregelt wurde, dass auch die weltlichen Eheangelegenheiten im Sinne des kanonischen Rechts, also der katholischen Kirche, geführt werden durften. "Sehr zum Leidwesen und zum Unwillen der liberalen, nicht katholischen Bevölkerung", wie Prügl anfügte. Daneben seien Bestimmungen getroffen worden zur regelmäßigen Abhaltung von Synoden, zum Sakramentenempfang, wie der Klerus leben und sich kleiden oder wie man den Sonntag feiern soll.
Quelle: Kathpress