
Stephans- und Mariendom nun Plätze 9 und 10 der höchsten Kirchen
Ein historischer Moment in der Sakralarchitektur sorgt für Bewegung in der Weltrangliste der höchsten Kirchen: Mit der Montage des monumentalen Turmkreuzes auf dem "Torre de Jesucristo" vergangene Woche ist die Sagrada Familia in Barcelona mit 172,5 Metern auf Platz 1 vorgerückt. Fertiggestellt wird der Bau in den 2030er Jahren. Damit verdrängt das Lebenswerk von Antoni Gaudi das Ulmer Münster mit 161,5 Metern vom Thron und lässt den Stephansdom in Wien und den Mariendom in Linz auf Platz 9 und Platz 10 abrutschen.
In Linz nimmt man die jüngsten Entwicklungen gelassen hin. Dombaumeister Michael Hager erklärte im Interview mit den "Oberösterreichischen Nachrichten" (3. März): Wenn auch auf einem Wackelplatz - weder in noch außerhalb von Europa wäre ihm ein Kirchenbau bekannt, der die Reihenfolge in naher Zukunft gefährden könnte.
Mit 134,69 Metern ist der Turm des Mariendoms um rund zwei Meter niedriger als der des Stephansdoms (136,4 Meter). Mit seinen 5851 Quadratmetern und einem Fassungsvermögen von 20.000 Menschen ist der Mariendom aber die insgesamt größte Kirche Österreichs. "Es war damals ein unausgesprochenes Gesetz, dass der Linzer Dom sich dem Stephansdom unterordnen muss", sagt Hager. "Der Stephansdom sollte als Repräsentationskirche höher bleiben."
Neugotischer Bau
Allerdings ist der Steinturm des Linzer Mariendoms höher als jener des Stephansdoms, wie die "Oberösterreichischen Nachrichten" berichteten. "Geduckt" habe sich der Linzer Dom beim Kreuz. "Es hat verschiedene Entwürfe gegeben, ein schlankeres, höheres Kreuz oder ein gedrungeneres, kleineres Kreuz - das dann umgesetzt wurde, um den Höhenvorgaben zu entsprechen." Das Kreuz hat eine Höhe von 4,6 Metern. Das ganze System aus Kreuz, Kugel und Krone misst 9,2 Meter und wiegt samt Verankerungsschienen exakt 6759 Kilogramm.
Architektonisch gilt der Mariendom als eines der bedeutendsten Zeugnisse der Neugotik in Europa. Der Entwurf stammt vom Kölner Diözesanbaumeister Vincenz Statz, der sich am klassischen Kathedralschema orientierte. Die Grundsteinlegung erfolgte am 1. Mai 1862, doch es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis das monumentale Bauwerk vollendet war. Am 29. April 1924 wurde der Mariendom Linz nach 62-jähriger Bauzeit geweiht und feierte somit im Vorjahr sein 100-jähriges Bestehen.
"Innovationsmotor"
Die Baustelle des Linzer Doms 1862-1924 war damals die größte Baustelle Europas und ein "Innovationsmotor", erklärte Hager. "Wir haben beim Linzer Mariendom ganz neue Baumaterialien verbaut. Eisennietfachwerk-Dachstuhl und -Glockenstuhl - Konstruktionen, die man dann vom Eiffelturm kennt. Das wurde schon in früherer Phase in Linz verbaut. Das waren technische Innovationsmotoren, die haben die Höhe der Zeit der Technik gespiegelt."
Hinter der neuen Spitzenreiterin Sagrada Familia belegen das Ulmer Münster mit 161,5 Metern, die Basilika Notre-Dame de la Paix in Yamoussoukro mit 158 Metern, der Kölner Dom mit 157,4 Metern, die Kathedrale von Rouen mit 151 Metern, die Hamburger St.-Nikolai-Kirche mit 147,3 Metern, das Straßburger Münster mit 142 Metern und die Basilika Unserer Lieben Frau von Lichen mit 141,5 Metern die weiteren Plätze der internationalen Rangliste vor den österreichischen Domen.
Manche Listen führen die Petersbasilika (136,6 m) vor dem Stephansdom, was Linz theoretisch auf Platz 11 schieben würde. Da die Petersbasilika jedoch eine Kuppel und keinen klassischen Kirchturm hat, bleibt Linz in der Kategorie "Höchste Kirchtürme" auf Platz 10.
Quelle: kathpress