Experte: Geordneter Übergang im Iran am unwahrscheinlichsten
Der österreichische Nahostexperte Thomas Schmidinger, der derzeit in der nordirakischen Stadt Erbil forscht und lehrt, glaubt nicht, dass das iranische Regime demnächst fallen wird. Im Interview mit dem ORF am Mittwoch erläuterte der Politologe die extrem komplexen politischen, ethnischen und religiösen Zusammenhänge im Iran und der gesamten, vom Krieg betroffenen Nahost-Region und bewertete mögliche künftige Szenarien. Am unwahrscheinlichsten sei mit Sicherheit, "dass es zu einem raschen Sturz des Regimes und einem geordneten Übergang kommt". Im Raum stehe dafür immer die Gefahr eines Bürgerkriegs.
Der Iran bestehe aus mehreren Machtzentren, unabhängig davon, wer die Position des obersten religiösen Führers in Zukunft übernimmt. Der Machtapparat des Iran sei intakt und könne sicher nicht nur durch einen Luftkrieg beseitigt werden. Das Regime profitiere vor allem davon, dass es keine geeinte Opposition im Land gibt, so Schmidinger. Die USA hätten sehr lange den Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, protegiert. Präsident Donald Trump scheine nun aber in seiner "üblichen Wankelmütigkeit" davon Abstand genommen zu haben. Es sei auch völlig unklar, ob die USA überhaupt einen Regimewechsel anstrebten. Es scheine eher so, "dass die USA überhaupt keinen klaren Plan haben".
Die religiöse, ethnische und politische Situation im Iran sei äußerst komplex, betonte Schmidinger. So gebe es etwa sehr starken Oppositionsgruppen im äußersten Nordwesten und Südosten des Landes, wo mit den Kurden und Belutschen ethnische Minderheit leben, die zugleich als Sunniten auch religiöse Minderheiten sind. Diese würden für einen föderalen Iran eintreten. Reza Pahlavi und die Monarchisten und auch nationale Strömungen stünden dagegen für einen starken Zentralstaat. Es gebe aber auch eine arabische sunnitische Minderheit im Südwesten oder die Aserbaidschaner im Norden des Landes. Der Iran sei nur etwa zu 50 Prozent von Persern bewohnt, alle anderen seien Angehörige unterschiedlicher Minderheiten. Damit nicht genug, gebe es auch linke und liberale Oppositionsgruppen und mit der Organisation der Volksmudschahedin Irans sogar eine links-islamistische, antiklerikale, bewaffnete Oppositionsgruppe, die teilweise auch von Israel und den USA unterstützt wird.
Insgesamt würde er sagen, so Schmidinger, dass es in der urbanen Bevölkerung des Iran schon ein sehr starkes demokratisches Bevölkerungssegment gebe, das Demokratie will. Die Frage sei freilich, "ob das ausreicht?"
Und auch die Religion spiele stark mit hinein, so Schmidinger weiter. Zum einen könne man festhalten, dass der Iran mit Sicherheit die säkularste Bevölkerung des gesamten Nahen Ostens habe. Das Regime habe über 40 Jahre Religion als zentrale Legitimation seiner autoritären Herrschaft benutzt. Das habe vielen Iranerinnen und Iranern einfach die Lust auf Religion ausgetrieben. Das bedeute aber nicht, "dass es keine religiöse Bevölkerung mehr gibt und das heißt auch nicht, das es keine Unterstützerinnen und Unterstützer des Regimes gibt". Es sei sogar noch komplizierter: "Es gibt durchaus auch Leute, die religiös und gleichzeitig gegen das Regime sind, weil das Regime ja auch viele hochrangige Kleriker verhaftet hat." Man könne also nicht vereinfachen und sagen, "die Religiösen sind für das Regime und die Säkularen sind dagegen".
Der Krieg sei jedenfalls auch für die Nachbarstaaten des Iran, ganz besonders für die Golfregion, ein Desaster, so der Politologe weiter. Das betreffe nicht nur den Irak, sondern auch Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait und Bahrain, die in den Krieg mit hineingezogen werden. "Und deshalb wollen die arabischen Staaten, dass dieser Krieg so schnell wie möglich beendet wird." Man fürchtet sich allerdings bei aller Rivalität zum Iran sehr stark vor einer völligen Destabilisierung des Landes, was wohl große Fluchtbewegungen in Gang setzen würde.
Da im Irak sowohl Schiiten als auch Sunniten sowie zahlreiche pro-iranische Milizen leben, ist die Lage dort besonders heikel. Diese hätten schon begonnen haben, in der Autonomen Provinz Kurdistan amerikanische Ziele anzugreifen. Eine totale Destabilisierung des Iran würde mit Sicherheit auch auf den Irak Auswirkungen haben, folgerte Schmidinger.
Quelle: kathpress
