
Irakischer Ordensmann sieht Christentum im Irak in Existenz bedroht
Der irakische Dominikaner Fr. Amir Jaje sieht das Christentum in seiner Heimat in seiner Existenz bedroht. In einem Beitrag im Blog der Stiftung "Pro Oriente" verweist der Ordensmann auf die lange Leidensgeschichte der Christinnen und Christen im Irak seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Während ihre Zahl im Jahr 2003 noch auf rund eineinhalb Millionen geschätzt worden sei, lebten heute nur noch etwa 200.000 Christen im Land. "Die Verbrechen gegen irakische Christen zwangen Hunderttausende von ihnen, ihre Heimat und ihr Land zu verlassen, um ein sicheres Land zu suchen, das ihren Kindern eine sichere Zukunft garantieren würde", schreibt Jaje. Zugleich zeigt er in seinem Beitrag Ansätze auf, die für eine Zukunft christlichen Lebens im Irak wichtig sein könnten.
Der Dominikaner ist Mitglied des vatikanischen Dikasteriums für den Interreligiösen Dialog sowie Gründungsmitglied des Irakischen Rats für den Interreligiösen Dialog. In seinem Beitrag blickt er zunächst auf historische Gewalt gegen Christen in der Region zurück. So habe der Völkermord an der armenischen Bevölkerung im Osmanischen Reich ab 1915 auch zahlreiche Opfer unter assyrischen Christen gefordert. Zwischen 1915 und 1918 seien zwischen 250.000 und 350.000 Assyrer getötet worden, wodurch mehr als die Hälfte dieser Gemeinschaft ausgelöscht worden sei.
Bedrängnisse und Unterdrückung der Assyrer haben sich auch nach dem Ersten Weltkrieg fortgesetzt. Im Jahr 1933 griff die irakische Armee mehr als 60 assyrische Dörfer an und tötete dabei mehr als 3.000 Menschen in dem als "Massaker von Simele" bekannten Ereignis. Dieses Massaker habe eine echte Bedrohung für die assyrische Präsenz in der Region dargestellt und zu einer massiven Abwanderung geführt. Das Massaker habe eine geistige und historische Kontinuität zum Völkermord von 1915/18 verkörpert, so Jaje. Die Dynamik einer langsamen Zermürbung sei 100 Jahre später durch die Terrororganisation IS wieder neu entfacht worden, wobei der IS-Terror neben der christlichen auch auf andere Bevölkerungsgruppen wie die Jesiden zielte.
Jaje weist darauf hin, dass die tragischen Ereignisse von 2014 die schmerzhaften Erinnerungen an die Ereignisse von vor hundert Jahren wieder aufleben ließen und die noch immer bestehenden Wunden vertieften. Viele Angehörige der jesidischen und christlichen Gemeinschaften hätten das Vertrauen in ihre sunnitisch-muslimischen sowie kurdischen Nachbarn verloren und sähen das, was ihnen widerfahren ist, als sehr ähnlich zu dem, was ihren Gemeinschaften zu Beginn des letzten Jahrhunderts widerfahren war. Das vom IS gestiftete feindselige Klima habe eine Atmosphäre der Angst, des Schweigens und Misstrauens gegenüber den muslimischen Nachbarn und Geschwistern geschaffen.
Anerkennung und Dialog
Für eine Heilung dieser "verwundeten Erinnerung" brauche es laut Jaje einen umfassenden Ansatz, der historische, politische, soziale und religiöse Dimensionen berücksichtigt. Dazu gehöre zunächst die vollständige Anerkennung der begangenen Verbrechen. "Die Anerkennung dieser Verbrechen ist ein erster Schritt zur Heilung und Versöhnung", schreibt der Ordensmann.
Zugleich plädiert er für einen stärkeren interreligiösen Dialog, der bereits in den Schulen beginnen sollte. Lehrpläne in der Region sollten Programme zur Förderung von Toleranz und religiöser Vielfalt enthalten. Die Beseitigung negativer Stereotype über Minderheiten in Lehrbüchern könne langfristig zu einem friedlicheren Zusammenleben beitragen.
Unterstützung und Wiederaufbau
Überdies fordert Jaje mehr wirtschaftliche und soziale Unterstützung für Christen im Nahen Osten sowie einen wirksamen rechtlichen Schutz religiöser Minderheiten. Verfassungen und Gesetze müssten sicherstellen, dass Christen ohne Diskriminierung gleiche Rechte in Bezug auf Staatsbürgerschaft, Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit genießen.
Die Zerstörung von Kirchen, Klöstern und historischen Stätten im Irak und in Syrien habe zudem eine kulturelle Lücke hinterlassen. Der Wiederaufbau solcher Orte sei daher ein wichtiger Schritt zur Bewahrung des christlichen Erbes und zur Stärkung der Identität der Gemeinschaften.
Internationale Gemeinschaft gefordert
Auch die internationale Gemeinschaft sieht Jaje in der Verantwortung. Organisationen wie die Vereinten Nationen und NGOs sollten stärker zum Schutz religiöser Minderheiten beitragen und Regierungen zur Wahrung ihrer Rechte anhalten. Zugleich brauche es mehr Unterstützung für Vertriebene, die wegen Gewalt und Verfolgung ihre Heimat verlassen mussten.
Eine wichtige Rolle komme zudem der christlichen Diaspora zu, die weltweit auf Menschenrechtsfragen aufmerksam mache. Schließlich sei auch die Förderung der Jugend entscheidend: Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten könnten jungen Christinnen und Christen eine Zukunft in ihren Herkunftsländern eröffnen und weiterer Abwanderung entgegenwirken.
Quelle: kathpress