
Expertin: In Ortskirchen Gleichberechtigung von Frauen umsetzen
Die katholische Kirche muss in ihrem synodalen Prozess "hartnäckig" an der Gleichberechtigung von Frauen weiterarbeiten. Dazu ruft Helena Jeppesen-Spuhler, aus der Schweiz stammende Europa-Delegierte bei den Weltsynodentreffen 2023 und 2024 in Rom, in einer Reaktion auf die neue Vatikanstudie zur Frauenfrage in der katholischen Kirche auf. So seien die Ortskirchen gefordert, konkrete Schritte umzusetzen, damit "Frauen mehr Raum, mehr Entscheidungsverantwortung und Sichtbarkeit bekommen", sagte sie im Interview dem Online-Portal "kath.ch" (Donnerstag). Frauen in Leitungsämter zu berufen, sei ein "wichtiger Schritt", reiche allein aber nicht aus, so Jeppesen-Spuhler: "Die Zulassung zu allen Weiheämtern bleibt ein wichtiges Thema."
Der am Dienstag veröffentlichte Schlussbericht der während der Weltsynode (2023/2024) von Papst Franziskus eingesetzten Studiengruppe zeige, "dass die 'Frauenfrage' in der Kirche dringend ist", sagte Jeppesen-Spuhler, die auch einer vom Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) eingerichteten Task Force für Synodalität in der Kirche angehört. Es gelte nun, auf allen Ebenen der Kirche mit den Erkenntnissen aus dem Bericht weiterzuarbeiten, für den auch zahlreiche Gruppierungen aus vielen Erdteilen unmittelbar nach der Synodenversammlung im Oktober 2024 in Rom Eingaben gemacht hätten.
Als nächste Schritte zur Teilhabe von Frauen wünsche sie sich "weltweites Vorangehen, Umsetzung von allem, was kirchenrechtlich schon möglich ist, kreative Vernetzung und weiterhin mutigen Widerstand", erklärte die Schweizerin. "Denn Frauen tragen die Kirche. Sie haben ein Recht darauf, gleichberechtigt wirken und handeln zu können."
Zur viel diskutierten Frage des Zugangs von Frauen zum Diakonat verweist der aktuelle Studiengruppen-Report auf die im Dezember 2025 vom Vatikan veröffentlichten Ergebnisse einer noch von Papst Franziskus berufenen Theologenkommission. "Der Bericht der Kommission für das Diakonat hat festgestellt, dass die Frage offen bleibe", sagte Jeppesen-Spuhler zu "kath.ch" und sprach sich erneut dafür aus, hier "Handlungsspielräume für die Ortskirchen" zu öffnen. Die Weltsynode habe in Rom die wichtige Frage nach dem Ausschluss berufener Frauen diskutiert. "Zu dieser Frage erwarte ich beim Papst weiterhin ein offenes Ohr", so Jeppesen-Spuhler.
ZdK-Präsidentin: "Es ist fünf nach zwölf"
Nur zum Teil zufrieden mit dem neuen Arbeitspapier aus dem Vatikan zur Rolle der Frauen in der Kirche zeigen sich derweil Vertreterinnen kirchlicher Laienverbände und Reformgruppierungen im deutschsprachigen Raum. So sieht die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) wenig Neues in dem Bericht. "Einmal mehr können wir wahrnehmen, dass in der Frauenfrage Mut und Geduld gleichzeitig erwartet werden", sagte Irme Stetter-Karp der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Geduld sei über alle Maßen investiert worden, so die Präsidentin des Dachverbandes katholischer Laien in Deutschland. "Was der Kommission zu fehlen scheint, das ist der Mut, aus der Bestandsaufnahme Schlussfolgerungen zu ziehen. Wie viele Kommissionen bedarf es noch? Es ist fünf nach zwölf."
Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) mahnte konkrete Konsequenzen aus der Studie an. "Wir fordern nun den Vatikan auf, sich jetzt - und zwar in diesem Jahr - mit den Ergebnissen auseinanderzusetzen und entsprechende Änderungen im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit anzustoßen", sagte die stellvertretende kfd-Bundesvorsitzende Ulrike Göken-Huismann. Konkret nannte sie die Predigterlaubnis für Nicht-Geweihte sowie die Zulassung von Frauen zum Diakonat, der untersten Weihestufe in der katholischen Kirche.
Gegen Machtstrukturen
Die Österreich- und Deutschland-Zweige der Reformgruppierung "Wir sind Kirche" begrüßten in einer gemeinsamen Erklärung am Donnerstag, dass in dem Vatikan-Papier die Frauenfrage als Zeichen der Zeit gesehen und ein Mentalitätswandel gefordert werde. "Aber es ist und bleibt höchst enttäuschend, dass immer noch an den traditionellen männerdominierten, sakramental überhöhten Machtstrukturen festgehalten und Frauen weiterhin der Zugang zu Weihen verwehrt wird." Die Berufung von Frauen in Führungspositionen der römischen Kurie unter Papst Franziskus und Papst Leo XIV. solle als Modell dienen, auch in den Ortskirchen und an der Kirchenbasis Frauen in Leitungsverantwortung und verbindliche Entscheidungsprozesse einzubinden, hieß es.
Von der Kirche als einer Institution, "die zwischen dem dringenden Wunsch nach mehr Gleichberechtigung und den anhaltenden Zwängen eines patriarchalischen Rahmens hin- und hergerissen ist", sprachen der Zusammenschluss österreichischer Kirchenreformgruppen "kirchenreform.at" in einer Reaktion auf die neue Studie. "Obwohl dieser Bericht viel Positives enthält, verdienen die Frauen der katholischen Kirche mehr", forderten "Wir sind Kirche", "Pfarrerinitiative", "Priester ohne Amt" und "Laien-Initiative" in einer gemeinsamen Aussendung erneut die Öffnung der Weiheämter für Frauen.
Frauen verabschieden sich aus der Kirche
Der Vatikan hatte die Studie am Dienstag veröffentlicht. Darin wird die Klärung der Frauenfrage in der katholischen Kirche als dringlich beschrieben. Die Studie war während der Weltsynode (2023/2024) von Papst Franziskus unter der Oberhoheit der Glaubensbehörde in Auftrag gegeben worden. Das 74 Seiten umfassende Papier stellt fest, dass es ein "spezifisches Unbehagen unter vielen Frauen bezüglich ihrer Teilhabe am Leben ihrer Gemeinden" gebe, insbesondere wenn man es vergleiche mit den Möglichkeiten im bürgerlichen Leben.
Dies gelte keineswegs nur für westliche Gesellschaften und habe dazu geführt, dass eine immer größere Zahl von Frauen sich nicht mehr damit identifizieren könne, katholisch zu sein. Wörtlich heißt es: "Eine wachsende Zahl von Frauen jeder Altersgruppe und in unterschiedlichen Teilen der Welt fühlen sich im Haus des Herrn nicht mehr zuhause - bis hin zu dem Punkt, dass sie es vollständig verlassen."
Bei möglichen Änderungen solle die Kirche jedoch weder der Versuchung zur Furcht noch der Versuchung zur Hast erliegen, so die Autoren der Studie. Ohne konkrete Empfehlungen zu geben, stellen sie ferner fest, dass es in der Bibel und in der Kirchengeschichte zahlreiche Frauen gab und gibt, die Macht in der Kirche ausgeübt haben.
Quelle: kathpress