
Papstberaterin Pocher: Kirche muss Macht teilen
Die katholische Kirche muss ihren Umgang mit Macht grundlegend überdenken. Dazu hat die italienische Ordensfrau und Theologin Linda Pocher in einem Vortrag zum Thema "Macht in der synodalen Kirche - Risiken und Chancen" am Donnerstagabend in Innsbruck aufgerufen. "Macht ist letztlich eine unvermeidliche Dimension menschlichen Lebens", so Pocher, die dazu ermutigte, die Machtfrage nicht zu verdrängen, sondern bewusst zu reflektieren und im Dienst der Gemeinschaft zu gestalten. Besonders Frauen seien vom kirchlichen Machtdiskurs betroffen, da sie "weitgehend vom institutionellen kirchlichen Leitungsamt ausgeschlossen sind". Positiv bewertet sie den synodalen Reformprozess, der Macht, Verantwortung und Teilhabe kritisch in den Blick nehme und bestehende Kontrollmechanismen überprüfe.
Bis dato werde der Diskurs über Macht in kirchlichen Kontexten häufig dadurch blockiert, "dass eine defensive, theologisch-spirituelle Sprache verwendet wird, die Macht, Dienst und Gehorsam so eng miteinander verschränkt, dass sie letztlich ununterscheidbar werden", erklärte die Theologin vor etwa 70 Interessierten an der Universität Innsbruck. In solchen Fällen werde das, "was eigentlich der Unterscheidung bedürfte, der Möglichkeit einer kritischen Sprache entzogen". Macht zu benennen, ihre Formen und ihre Verzerrungen zu befragen, laufe somit Gefahr, als Mangel an Glauben oder Angriff auf die kirchliche Einheit wahrgenommen zu werden.
"Dieser Mechanismus erzeugt eigentlich einen Effekt der Diskursverweigerung", sagte Pocher. Diese betreffe alle Gläubigen, Frauen jedoch besonders stark. "Diese Schwierigkeit betrifft die Laien insgesamt, trifft jedoch in besonderer Weise die Frauen, die weitgehend vom institutionellen kirchlichen Leitungsamt ausgeschlossen sind." Einerseits verfügten Frauen nicht über formale Entscheidungskompetenzen, andererseits könne jede kritische Wortmeldung leicht als "Infragestellung der kirchlichen Ordnung" interpretiert werden.
Macht gehört zum Menschsein
Gleichzeitig plädierte Pocher dafür, Macht nicht zu tabuisieren: "Macht ist letztlich eine unvermeidliche Dimension menschlichen Lebens." Sie sei "zutiefst mit dem Menschlichen verwoben" und stelle Menschen deshalb vor ethische Entscheidungen. Entscheidend sei folglich nicht, ob Macht existiere, sondern wie mit ihr umgegangen werde.
Als Orientierung verwies die Theologin auf die biblische Tradition und das Verständnis Jesu. Dieser habe Macht nicht als Herrschaft, sondern als Dienst verstanden. Nach seinem Vorbild sei die christliche Gemeinschaft "nicht dazu berufen, die in der Gesellschaft bestehenden unterdrückenden Machtstrukturen zu reproduzieren". Im Zentrum des Neuen Testaments stehe folglich nicht eine systematische Reflexion über Politik oder Staat, sondern die Würde des Menschen, "die gegen jede Form des Machtmissbrauchs zu schützen ist, sowie das Bewusstsein, dass der Mensch auf dieser Erde Gast und Pilger bleibt".
Pocher erklärte damit auch, warum im Christentum "das Streben nach Macht häufig mit einer Art schlechten Gewissens verbunden ist". Gleichzeitig bedeute das Sprechen über Macht, "unausweichlich, Stellung zu beziehen zu unterschiedlichen Auffassungen von sozialem und politischem Leben".
Macht als Möglichkeit
Macht bedeute zunächst die Fähigkeit, über das eigene Leben verfügen zu können; erst in einem weiteren Schritt könne Einfluss auf andere genommen werden - im positiven wie im negativen Sinn. Unter Bedingungen von Ungleichheit könne sich Macht leicht in Kontrolle oder Missbrauch verwandeln. "Wer sich in einer privilegierten Position befindet, neigt dazu, die erreichte Stellung zu sichern und die daraus erwachsenden Vorteile zu verteidigen", sagte Pocher. Werde diese Dynamik nicht kritisch reflektiert, könne Macht zu einem Raum werden, "in dem sich Missbrauch entfalten kann".
Macht gehöre zur menschlichen Erfahrung und stelle Menschen "gerade deshalb unausweichlich vor ethische Entscheidungen". Und weiter: "Ob wir es wollen oder nicht, wir alle stehen auf der Bühne. Die entscheidende Frage ist nicht, ob wir beteiligt sind, sondern in welcher Rolle und mit welchen Motiven."
In der katholischen Kirche konkretisiere sich Macht unter anderem in einem überlieferten kirchlichen Modell, das durch zahlreiche Gewohnheiten und Praktiken den Vorrang der Amtsträger gegenüber den Gemeinden betone - etwa bei der Auswahl von Bischöfen.
Teilhabe und Verantwortung
Der synodale Reformprozess der katholischen Kirche biete hier neue Chancen, sagte die Ordensfrau. Das Schlussdokument der Weltsynode betone stärker als bisher Transparenz, Rechenschaft und gemeinsame Verantwortung. Synodalität bedeute eine wirkliche Teilhabe des ganzen Gottesvolkes am kirchlichen Entscheidungsprozess. Ohne eine solche "Umkehr der innerkirchlichen Beziehungen" liefen strukturelle Reformen Gefahr, oberflächlich zu bleiben.
Die Kirche stehe letztlich vor der Aufgabe, Macht nicht zu verdrängen, sondern verantwortungsvoll zu gestalten. Am Ende gehe es darum, so Pocher, dass kirchliche Gemeinschaften zu Orten werden, "in denen Frauen und Männer sich nicht als Unterworfene oder Kontrolleure begegnen, sondern als Freundinnen und Freunde, als Weggefährten auf dem Weg zum kommenden Reich".
Pocher ist Expertin für die Frauenfrage in der katholischen Kirche. Die vierteilige Vortragsreihe für den Kardinalsrat (C9) zum Thema Frau in der Kirche wurde in vier Bänden unter dem Titel "Die Kirche entmännlichen?" (Smaschilizzare la Chiesa?) veröffentlicht. Derzeit lehrt die Don Bosco Schwester Christologie und Mariologie an der Päpstlichen Fakultät für Erziehungswissenschaften Auxilium in Rom, wo sie zudem die Verantwortung für die Schule für Integrale Ökologie Custodi del Giardino trägt.
Quelle: kathpress