
Ökumenischer Rat: "Charta Oecumenica" mit Leben erfüllen
Im Herbst 2025 wurde das ökumenische Dokument "Charta Oecumenica" in einer Neuauflage veröffentlicht. Es hat die gemeinsame Verantwortung und das gemeinsame Engagement der Kirchen in Europa zum Inhalt. Wie dieses Dokument konkret in Österreich mit Leben erfüllt werden kann, stand im Mittelpunkt der inhaltlichen Beratungen der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRKÖ) am Donnerstag in Wien. Dass dies gelingt, sei ein zentraler Punkt für die Glaubwürdigkeit der Kirchen in der Gesellschaft, so der Salzburger Kirchenhistoriker und Dekan der Katholischen-Theologischen Fakultät, Prof. Dietmar Winkler, in seinem Vortrag.
Die neue "Charta Oecumenica " ist eine umfassende Überarbeitung bzw. Neufassung der "Charta Oecumenica" aus dem Jahr 2001. In den Jahren 2022 bis 2024 wurde nach gut 20 Jahren eine Neuauflage des Dokuments erarbeitet, die auf aktuelle Herausforderungen wie Krieg, Migration, Klimakrise und Digitalisierung reagiert. Die Neuauflage wurde in einem breit angelegten Konsultationsprozess erarbeitet, an dem über 70 Kirchen, ökumenische Organisationen und Verbände beteiligt waren. Am 5. November 2025 wurde die "Charta Oecumenica neu" in Rom vom orthodoxen Erzbischof Nikitas von Thyateira und Großbritannien für die KEK und CCEE-Präsident Erzbischof Gintaras Grusas unterzeichnet.
Die Charta beginnt mit dem Bekenntnis zum gemeinsamen Glauben und zum gemeinsamen christlichen Zeugnis und befasst sich mit Feldern gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamen Engagements in Europa. Einige dieser Bereiche wurden in neue Kapitel gefasst: über Frieden und Versöhnung, Migration und über neuen Technologien. Weitere Kapitel sind etwa auch den Beziehungen zum Judentum, zum Islam sowie zu anderen Religionen und Weltanschauungen gewidmet. Zudem hat man jungen Menschen und ihrem Engagement ein eigenes Kapitel gewidmet. Darüber hinaus enthält die aktualisierte Charta weitaus mehr Selbstverpflichtungen der Kirchen als noch die erste Auflage von 2001.
"Glaubwürdigkeit entsteht heute dort, wo Kirchen gemeinsam handeln und Verantwortung übernehmen", so Prof. Winkler in seinen Ausführungen. Die neuen "Charta Oecumenica" sei kein Abschlussdokument eines Dialogprozesses, sie sei vielmehr "eine Wegbeschreibung, ein Leitfaden für eine Ökumene, die sich in einer veränderten Welt völlig neu bewähren muss". Die Charta sei bewusst praxisorientiert angelegt und verstehe sich als Grundlage gemeinsamen Handelns.
Dabei sei sie keineswegs irgendein unverbindliches Positionspapier. Sie sei ein gemeinsames Dokument der europäischen Kirchen - getragen von KEK und CCEE. Mit anderen Worten, so Winkler: "Es ist ein Text, hinter dem die Kirchen in Europa gemeinsam stehen." Darin liege auch die eigentliche Herausforderung. Entscheidend sei nicht, "dass die Charta unterzeichnet wurde, sondern dass sie vor Ort ankommt. Es ist immer der Rezeptionsprozess, der einen Text erst lebendig macht." Winkler warnte in diesem Zusammenhang davor, dass nicht auch die "Charta Oecumenica 2025" das "ökumenische Schicksal der Schubladisierung" erleidet.
Winkler: "Die Charta fordert die Kirchen nicht nur zum Reden, sondern zum Handeln auf. Sie wird nur dann ernst genommen werden, wenn dieses Handeln auch sichtbar wird." Eine zentrale Rolle müsse dabei der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich spielen, "indem er bestimmte Inhalte konkret aufgreift und in gemeinsame Initiativen überführt, die für den österreichischen Kontext wichtig sind", zeigte sich Winkler überzeugt. Er benannte in diesem Zusammenhang bei der Diskussion in der Vollversammmlung etwa die Themen "Diskursfähigkeit", "ökologische Verantwortung" oder Kooperationen im Sozialbereich.
Mindestens ebenso wichtig sei freilich die lokale Ebene. Ökumene entscheide sich vor Ort in Pfarren, Gemeinden und ökumenischen Arbeitskreisen, unterstrich Winkler. Auch im interreligiösen Bereich würden sich praktische Ansatzpunkte ergeben. Begegnungen, Dialogformate und gemeinsame Initiativen für ein friedliches Zusammenleben könnten etwa bewusst aus dem Geist der "Charta Oecumenica" heraus gestaltet werden, so Prof. Winkler.
Der ÖRKÖ will sich in den kommenden Monaten verstärkt den Themen der "Charta Oecumenica" widmen und und beraten, welche Initiativen man konkret aufgreifen kann, hieß es im Rahmen der Beratungen.
Dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) gehören 18 Kirchen sowie weitere Institutionen bzw. Organisationen als Beobachter an. Die Delegierten der Kirchen und Beobachter tagten unter dem Vorsitz des armenisch-apostolischen Bischofs Tiran Petrosyan. (Infos: www.oekumene.at)
Quelle: kathpress