
Soziologin: Christentum nicht auf Kulturkampf-Legitimation reduzieren
In den aktuellen gesellschaftlichen Richtungskämpfen, die entlang von Wertefragen geführt werden, spielt das Christentum häufig die Rolle einer Legitimationsquelle für konservative bis illiberale Politik. Das muss aber nicht so sein - tatsächlich habe das Christentum spätestens mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) sein Verhältnis zu Demokratie, Pluralismus und moralischen Geltungsansprüchen neu geregelt. Nur werde diese über viele Jahre gewachsene und bewährte Position in den aktuellen "Culture wars" oftmals überhört: Darauf hat die in Rom lehrende Religionssoziologin Kristina Stoeckl bei einem Vortrag am Montagabend an der Wiener "Akademie am Dom" hingewiesen.
Unter "Culture wars" versteht die Soziologin Konflikte rund um Werte- und Moralfragen, etwa Fragen des Lebensschutzes, des Schwangerschaftsabbruchs, der Definition von Ehe, Familie und Lebensende. Solche Fragen und die sich daran entzündenden Konflikte seien unvermeidbar in pluralistischen Gesellschaften; zugleich würden sie leicht zu Identitätskonflikten "um die Bedeutung von Gesellschaft an sich" eskaliert. Hier würden Religionen dann reduziert und vereinnahmt für klare politische Agenden insbesondere von Rechts, zeigte Stoeckl am Beispiel etwa der russischen Orthodoxie oder auch des Neo-Integralismus auf.
Entschieden sei dieser Weg jedoch nicht - es komme darauf an, "welche Formen von Christentum sich im Kontext von Pluralismus und Kulturkampf durchsetzen". Schließlich habe das Christentum sich in den verschiedensten politischen Ordnungen einzurichten vermocht und je nach Machtform (Monarchie, Autokratie, Demokratie) auch unterschiedliche Weisen entwickelt, diese Machtformen zu legitimieren oder zu delegitimieren.
Entscheidend für den Weg, den eine Religion in ihrem Verhältnis zur politischen Macht einschlägt, sei es - wie im Fall des Christentums -, wie sie sich angesichts der religiösen Pluralität zu ihrer neuen Minderheitenrolle verhalte, so Stoeckl: Schafft sie es, dies nicht als Verlust zu deuten, sondern als eine legitime Form religiöser Existenz? Schafft sie es, eine politische Theologie zu entwickeln, die Freiheit und Pluralität anerkennt als Teil der Heilsgeschichte und nicht als Weg des Scheiterns?"
Radikale Christen und Vereinfachung
Am Wochenende hatte Stoeckl sich bereits in der Wochenzeitung "Die Furche" (online) zum Verhältnis von Religion und Politik geäußert und vor einer zunehmenden Vermischung von Religion und Politik gewarnt. Religiöse Inhalte würden gezielt vereinfacht und politisch zugespitzt, sagte Stoeckl. "Es entsteht eine Karikatur des globalen Christentums und ein Zerrbild der liberalen Gesellschaft. Aber diese Vereinfachung funktioniert vielerorts." In Europa werde Religion zunehmend politisch genutzt. Rechte Parteien beriefen sich auf "christliche Werte", ohne sich an kirchliche Lehren zu binden. Zugleich nehme in Teilen der Bevölkerung die religiöse Bindung ab, wodurch vereinfachte und zugespitzte Deutungen leichter Anschluss fänden.
Charakteristisch für diese Strömungen sei eine starke inhaltliche Reduktion. "Das heißt, es werden wenige Inhalte zusammengefügt, die maximale Spannung mit liberalen Werten erzeugen, zum Beispiel pro-life, anti-gender, traditionelle Familie gegen pro-choice und LGBT-Rechte", so Stoeckl. Dadurch entstehe eine gewollte Polarisierung. Dabei verlaufe die Trennlinie nicht zwischen religiösen und nichtreligiösen Akteuren, sondern quer durch Gesellschaften und Kirchen. Die Folgen seien auch innerhalb der Kirchen spürbar. Differenzierte Positionen würden verdrängt, während sich Debatten zunehmend in Gegensätzen zuspitzten.
Nach Stoeckls Analyse gerät damit auch das lange stabile Verhältnis von Staat und Religion ins Wanken. Während sich in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg ein Modell der Zusammenarbeit bei gleichzeitiger Säkularisierung etabliert habe, sei das religiöse Feld in den USA durch Konkurrenz und Polarisierung geprägt. Davon profitierten heute insbesondere fundamentalistische Gruppen, deren Positionen zunehmend einflössen.
Besonders ausgeprägt zeigt sich diese Entwicklung laut Stoeckl in den USA. Dort hätten fundamentalistische Gruppen durch ihre Nähe zur politischen Führung an Einfluss gewonnen. Religiöse Deutungsmuster fänden sich bis in staatliche Kommunikation hinein, teils verbunden mit apokalyptischen Vorstellungen innerhalb politischer Bewegungen. Gleichzeitig wirkten diese Narrative über nationale Grenzen hinaus. Durch globale Vernetzung und strategische Einflussnahme verbreiteten sich die zugespitzten Deutungen international, mit wachsendem Einfluss auf politische Debatten und religiöse Diskurse auch in Europa.
Quelle: kathpress