
Schönborn: "Amoris laetitia" war "Durchbruch" für die Kirche
Vor zehn Jahren, am 8. April 2016, hat Papst Franziskus (2013-2025) das nachsynodale Schreiben "Amoris laetitia" (Die Freude der Liebe) über die Liebe in der Familie veröffentlicht. Das Schreiben löste vor allem eine lebhafte Debatte über den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten aus. Sie gipfelte im November 2016 in einem öffentlich gemachten Brief von vier Kardinälen, die Zweifel ("dubia") äußerten und vom Papst eine Klarstellung verlangten. Kardinal Christoph Schönborn, der das Dokument vor zehn Jahren im Vatikan der Öffentlichkeit präsentierte, hat im Kathpress-Interview am Montag die seit zehn Jahren kursierenden Vorwürfe zurückgewiesen und nochmals betont, welchen "Durchbruch" er in diesem Dokument für die Kirche sieht.
Papst Franziskus hatte in "Amoris laetitia" festgehalten, dass Wiederverheiratete in der katholischen Kirche nicht länger kategorisch vom Zugang zu Beichte und Kommunion ausgeschlossen sein sollten; seither können die Seelsorger je nach Einzelfall entscheiden. Weder sei damit die Lehre der Kirche relativiert worden, noch gebe es seither Sakramente zum Nulltarif, so der Kardinal und emeritierte Wiener Erzbischof. Wenn er das Dokument aus seinem Bücherschrank nehme oder auch nur daran denken, "dann kommen mir immer noch die Tränen", so Schönborn wörtlich. Für viele Menschen in der Kirche und auch für ihn persönlich sei dieses Dokument ein "riesiges Aufatmen" gewesen: "Nicht, weil der Papst irgendetwas an der Lehre der Kirche geändert hat, sondern weil er vom Leben spricht".
Der Kardinal hob jene Passage des Dokuments hervor, in dem der Papst den Priestern den Blick auf jene Familien ans Herz legt, die unter schwierigsten Umständen versuchen, Familie zu leben. "Diese Menschen darf man nicht knebeln und nach rigorosen Kriterien bemessen, sondern man muss ihre Heldenhaftigkeit sehen, unter welchen Umständen sie Kinder bekommen und großziehen, unter welche schwierigen Lebensverhältnissen sie eine Partnerschaft zu leben versuchen". Sehr oft sei dies mit Scheitern verbunden, aber eben unter schwierigsten Verhältnissen.
Schönborn wies auch die Kritik zurück, dass "Amoris laetitia" etwa in Widerspruch zum Schreiben "Familiaris consortio" über die Aufgaben der christlichen Familie in der Welt von heute von Papst Johannes Paul II. aus dem Jahr 1981 stehe. Er sehe vielmehr Kontinuität. Papst Johannes Paul II. sei es darum gegangen, "das Fundament zu sichern, die Unauflöslichkeit der Ehe, die Heiligkeit der Ehe, auch die Heiligkeit der Weitergabe des Lebens". Das seien sehr berechtigte und fundamentale Anliegen, "da die Kirche im Licht des Evangeliums an diese Wirklichkeiten immer wieder erinnern muss und dazu ermutigen muss". Zu kurz gekommen sei in "Familiaris consortio" aber der Blick auf die Umstände, die Intention und das Bemühen, so Schönborn.
Während "Familiaris consortio" viele enttäuscht habe, "weil es oft weit entfernt war von der Realität der Menschen, die tagein tagaus versuchen eine Familie zu gründen, zu halten, zu ernähren", habe Franziskus nun eben den Fokus darauf gelegt. Bruch sei dies freilich keiner, betonte Schönborn: "Wenn man 'Familiaris consortio' im Licht von 'Amoris laetitia' liest, dann sieht man viele Ansätze in dieser Idee, die in diese Richtung gehen." Es gehe nun eben darum, die Lebensumstände mitzubedenken. Insofern habe er "Amoris laetitia" als neuen Lektüre-Schlüssel für "Familiaris consortio" empfunden, so Schönborn.
Debatte um eine Fußnote
Franziskus hatte in "Amoris laetitia" im achten Kapitel den Kommunionempfang für geschiedene Wiederverheiratete unter bestimmten Voraussetzungen in einer Fußnote (Nr. 351) für möglich erklärt. Schönborn betonte im Kathpress-Interview dazu, man dürfe "Amoris laetitia" nicht vom achten Kapitel her lesen, "sondern man muss es von Anfang an lesen von den Grundlagen her". Und im achten Kapitel, in dem es um die Frage geht, wie mit Scheitern umzugehen ist, betone Papst Franziskus ganz klar, dass es keine neuen Normen brauche. "Wir brauchen keine neue Lehre der Kirche. Die ist klar und basiert auf der Lehre Jesu. Es braucht aber ein genaueres Hinschauen und Unterscheiden, echte Aufmerksamkeit und ein Einfühlen in die jeweilige Situation." Nachsatz: "Dass Papst Franziskus die Frage, ob geschieden Wiederverheiratete nun zur Kommunion gehen dürfen oder nicht, eigentlich nur in einer kleinen Fußnote behandelt hat, hat mich persönlich unglaublich berührt."
Schönborn erinnerte daran, dass er schon im Jahr 2000 für die Erzdiözese Wien ein Dokument mit dem Titel "Die 5 Aufmerksamkeiten" herausgegeben hatte. In diesem habe er nicht über die Frage des Sakramentenempfangs für Wiederverheirateten gesprochen, sondern von einem Weg der Aufmerksamkeit und der Unterscheidung. "Und ich war natürlich zutiefst berührt, dass Franziskus genau diese fünf Aufmerksamkeiten ausgiebig entfaltet hat."
Die erste Aufmerksamkeit betreffe etwa die Anfrage, wie die Eheleute im Konflikt ihre Kinder behandeln. Und diesen Gedanken habe auch Papst Franziskus aufgegriffen. Gleich dreimal wiederhole er: "Niemals, niemals, niemals dürft ihr eure Kinder in Geiselhaft nehmen für euren persönlichen Konflikt. - "Wie ich das gelesen habe, da sind mir wirklich die Tränen gekommen", so Schönborn. Denn das sei die entscheidende Frage, das habe er etwa auch im Jahr 2000 allen Dechanten der Erzdiözese in einer unvergesslichen Sitzung im Kardinal-König-Haus gesagt.
Die zweite Aufmerksamkeit, und auch darüber schreibe Franziskus in seinem Dokument, sei die nach dem sitzengebliebenen Partner? "Wie schaut es aus mit den Scheidungswitwen und -witwern, die dann alleine bleiben, vielleicht alles verloren haben?" - Wenn nicht auch diese Frage im Fokus der Seelsorge stehen, "ja was machen wir dann für eine Seelsorge?"
Schönborn: "Franziskus hat im achten Kapitel nicht die Sakramenten zu verbilligten Preisen auf den Markt gebracht. Er hat uns alle eine Gewissenserforschung aufgetragen. Bis hin zur letzten entscheidenden Frage - der fünften Aufmerksamkeit: 'Wie steht es um dein Gewissen vor Gott?'"
Papst lädt zu Beratungen nach Rom
Papst Leo XIV. will über den Umgang mit geschiedenen Wiederverheirateten und über andere Fragen von Ehe und Familie in der Kirche erneut debattieren lassen. In einer vor wenigen Tagen veröffentlichten Botschaft schrieb der Papst, er wolle für Oktober mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen weltweit über die Inhalte von "Amoris laetitia" beraten. Beratungen des Papstes mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen sind sehr selten.
In seiner Botschaft deutet Papst Leo XIV. an, dass er den Reformansatz seines Vorgängers fortsetzen will. Er schreibt, das Dokument "Amoris laetitia" biete "eine wertvolle Lehre, die wir heute weiter vertiefen müssen: die biblische Hoffnung auf die liebevolle und barmherzige Gegenwart Gottes, die es ermöglicht, 'Geschichten der Liebe' zu leben, auch wenn man 'Familienkrisen' durchlebt". Mit Blick auf die umstrittenen Textpassagen erinnert Leo XIV. daran, dass sein Vorgänger "die Kirche auffordert, 'die Zerbrechlichkeit [zu] begleiten, [zu] unterscheiden und ein[zu]gliedern' indem sie ein verkürztes Verständnis der Norm überwindet".
Quelle: kathpress