
Theologe: Kreuz vor politischem und kulturellem Missbrauch schützen
Der Innsbrucker Theologe Prof. Wolfgang Palaver hat dazu aufgerufen, das Kreuz gegen jede politische und kulturelle Instrumentalisierung zu schützen. In einem Interview mit der "Neuen Vorarlberger Tageszeitung" (Wochenend-Ausgabe) nahm der Theologe und Friedensforscher u.a. zum weltweit aufkeimenden Nationalismus, der Erosion des Völkerrechts und der Vermengung von Christentum und Politik in den USA aber auch in Österreich Stellung.
Auf die Maga-Bewegung in den USA angesprochen, die Donald Trump als von Gott gesandten Führer sieht, meinte Palaver: "Trump als Auserwählten Gottes zu sehen, finde ich geschmacklos und wirklich schlimm." Die Maga-Bewegung sei eine große Koalition verschiedenster Leute, eine Gegenreaktion auf Strömungen in den USA, die Religion weg haben oder in den Privatbereich abschieben wollten. Ihnen seien Themen wichtig wie Abtreibungsverbot, traditionelle Familienwerte und dass die USA sich wieder stärker als christliche Nation versteht.
Darin liege eine Spannung, "weil man eine universelle Religion in ein enges nationales Korsett hineinzwingt, was eigentlich nicht passt". Aber verständlich sei, dass eine Gesellschaft in Zeiten der Verunsicherung nach einer klaren, abgegrenzten Identität sucht. Das sei ein allgemeines Phänomen, so Palaver: "Wir haben auf der ganzen Welt eine stärkere Tendenz zum Nationalismus."
"Das Symbol muss sein"
Den Versuch, mit dem Christentum nationale Identität zu festigen, gebe es etwa auch am rechten Rand der ÖVP, bei der FPÖ und bei der AfD in Deutschland. Das hänge damit zusammen, dass man Nationalismus wieder stärker traditionell sieht, so Palaver: "Weil wir zunehmend in einer pluralen Gesellschaft mit unterschiedlichen Kulturen und Religionen leben, was Verunsicherung herbeiführt, sagen die Leute: Wir gehen zwar nicht in eine Kirche, aber uns ist wichtig, dass wir Christen sind und dass überall ein Kreuz hängt - obwohl wir nicht wissen, was das bedeutet. Aber das Symbol muss sein."
Zur Frage, ob es ein Kreuz an der Wand jedes Klassenzimmers braucht, meinte der Theologe: "Ich würde das jeder Klasse selbst überlassen. Am Anfang des Schuljahres soll der Klassenvorstand mit der Klasse entscheiden, wie sie das handhaben - vielleicht will man mehrere Symbole haben, vielleicht gar keine." Aus Kirchensicht denke er sich manchmal, man müsste Kreuze abhängen, "weil manche Leute das Kreuz in ein instrumentalisiertes politisches Fahrwasser bringen", so Palaver. Nachsatz: "Man muss das Kreuz vor politischem und kulturellem Missbrauch schützen."
Wichtig sei immer die Religionsfreiheit, fügte Palaver hinzu: "Ich tue mir auch schwer, wenn Leute, die gar nicht aus dieser Tradition kommen, beim Kopftuch sagen, das darf nicht sein."
"Was Krieg ist, muss auch als Krieg benannt werden"
Als eine der größten Katastrophen der Gegenwart bezeichnete Palaver die Erosion des Völkerrechts: "Putin und jetzt Trump - diesen ganz Mächtigen scheint das Völkerrecht völlig egal zu sein." Der russische Präsident Wladimir Putin habe den Angriffskrieg in der Ukraine nie Krieg genannt, und auch Donald Trump habe bei Venezuela von einem polizeilichen Strafvollzug gesprochen, kritisierte der Theologe: "Ich sage da immer, man muss das klar ansprechen: Was Krieg ist, muss auch als Krieg benannt werden." Eine der wenigen Stimmen, die hier sehr klar ist, sei jene von Papst Leo XIV. Er sei "begeistert von der Stimme, die man aus dem Vatikan hört". Die Europäer seien mit Ausnahme von Spanien hingegen schwach, beim Iran-Krieg hätten alle herumgedruckst, wollten Trump nicht brüskieren und hätten nicht den Mut gehabt, den Völkerrechtsbruch als solchen zu benennen.
Zur Idee einer gemeinsamen EU-Armee befragt, antwortete Palaver, dass ihm eine solche lieber sei als die NATO. Aber: "Wir sollten auch gewaltfreie Mittel stärken, es gibt das Konzept der sozialen Verteidigung und die sollte der Pfeiler der europäischen Verteidigung sein." Soziale Verteidigung bedeute, dass man nicht nur Grenzen und Territorien verteidigt, sondern vor allem Lebensweisen. "Das anzutrainieren, wäre die Aufgabe. Ein Land kann nur besetzt werden, wenn die Leute mitspielen", so Palaver.
Palaver lehrte bis September 2023 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. 2025 wurde er zum "Persönlichen Vertreter der OSZE Vorsitzenden zur Bekämpfung von Intoleranz, Rassismus und Diskriminierung, auch gegenüber Christen und Mitgliedern anderer Religionen" ernannt. Zudem ist er Präsident von Pax Christi Österreich.
Quelle: kathpress