
Stadt und Stift Klosterneuburg machen schwieriges Erbe sichtbar
Die Stadt und das Stift Klosterneuburg setzen auf eine transparente Erinnerungskultur, um historische Zusammenhänge differenziert und aufklärend zu vermitteln. Bei drei Straßenzügen, die die Namen von Pater Heinrich Abel (1843-1926), Ottokar Kernstock (1848-1928) und Adam Müller-Gutenbrunn (1852-1923) tragen, wurden Zusatztafeln angebracht, die über deren antisemitische Hintergründe aufklären. Zudem wurde an einer in der Stiftskirche angebrachten Gedenktafel für P. Abel eine Zusatztafel angebracht.
In der Zusatztafel im Stift wird darüber informiert, dass P. Heinrich Abel für seine Initiative der jährlich rund um Leopoldi (15. November) stattfindenden Männerwallfahrten nach Klosterneuburg vom Stift 1933 mit einer Gedenktafel geehrt wurde. Abels Äußerungen über die Juden seien aber oft "verständnislos, abwertend oder verachtend" gewesen, wie es im Text der Tafel heißt. Und weiter steht geschrieben: "Wir bedauern Pater Abels antijüdische Äußerungen und bitten Gott und die Juden um Vergebung. Für die Gegenwart und die Zukunft ist es uns wichtig, eine aufrichtige und respektvolle Beziehung mit dem Volk des Ersten Bundes zu pflegen." Unterzeichnet ist die Tafel von der Zentraleuropäischen Provinz der Jesuiten und dem Augustiner-Chorherrenstift Klosterneuburg.
Raum für Auseinandersetzung eröffnen
Stiftskämmerer Elias Carr hielt zur Anbringung der Tafel am Dienstag in einer Aussendung fest: "In einer Zeit, in der Kontroversen allzu rasch in gegenseitige Schuldzuweisungen und Beschimpfungen umschlagen, begrüßen wir die Gelegenheit zum Dialog, welche die Ergänzung zur Pater-Abel-Tafel bietet." Die Tafel schaffe Raum für eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und lade dazu ein, "auch schwierige Aspekte nicht auszublenden. Solange wir leben, können wir lernen - und uns somit positiv verändern." Auch auf der Zusatztafel zur "Pater-Abel-Straße" in der Stadt Klosterneuburg wird darauf hingewiesen, dass P. Abel sich in seinen Predigten wiederholt antisemitisch geäußert habe.
Über den Priester und Schriftsteller Otto(kar) Kernstock ist auf der Zusatztafel zur Kernstockgasse u.a. zu lesen, dass er mit seiner teils hasserfüllten Prosa und Lyrik von 1914 bis 1918 der Kriegspropaganda diente. Von seinem 1923 verfassten, von der NS-Propaganda aufgegriffenen "Hakenkreuzgedicht" habe er sich kurz danach distanziert. Auf der Zusatztafel zur Adam-Müller-Guttenbrunn-Straße wird über den Schriftsteller ("Schwabendichter") und Journalisten Adam Müller-Guttenbrunn informiert, dass sein umfangreiches Werk u.a. starke deutschnationale und antisemitische Akzente hatte.
Zeichen für Bewusstsein, Bildung und Erinnerungskultur
Bürgermeister Christoph Kaufmann hielt in der Aussendung von Stadt und Stift fest, dass die drei besagten Personen im kulturellen und literarischen Leben ihrer Zeit eine Rolle spielten, "deren Wirken aber zugleich zeitkritische Aspekte enthält, welche die Stadt nicht unkommentiert lassen möchte", so Kaufmann: "Diese kleinen Tafeln mögen ein großes Zeichen sein - für Bewusstsein, Bildung und kritische Erinnerungskultur."
Kulturstadträtin Katharina Danninger gab den Anstoß zu den Zusatztafeln: "Dieses Thema bewegt Viele - heute ist es soweit, wir setzen ein Zeichen für Erinnerung, Differenzierung und Verantwortung im Umgang mit unserer Geschichte. Denn Straßennamen sind nicht nur Orientierungspunkte im Alltag, sie sind auch Spiegel unseres kollektiven Gedächtnisses." Vor diesem Hintergrund seien die Straßennamen "Adam-Müller-Gutenbrunn-Straße", "Pater-Abel-Straße" und "Kernstockgasse" durch eine Expertenkommission umfassend geprüft worden, wie es hieß.
Quelle: kathpress