
Diakoniedirektorin warnt vor christlichem Nationalismus
Diakoniedirektorin Maria Katharina Moser sieht die Kirchen angesichts eines zunehmenden christlichen Nationalismus vor einer Grundsatzentscheidung, wie es weitergehen soll. Der Karfreitag sei der Tag, "an dem nichts den Blick auf das Kreuz verstellen soll", so Moser in einem "Presse"-Gastkommentar am Freitag. Politisch sei das Kreuz aber zum "martialischen oder folkloristischen Marker für nationale Identität, zum Medium von Abgrenzung und (Kultur-)Kampf" geworden.
Das sei keine neue Entwicklung, so die Diakoniedirektorin unter Verweis auf die Kreuzzüge gegen muslimische Länder und nicht christliche Völker wie Finnen oder Balten oder an die Deutschen Christen, die das Kreuz zum Siegeszeichen gegen den "sechseckigen Stern Judas" machten. Mit dem christlichen Nationalismus habe diese Entwicklung neue Fahrt aufgenommen.
Dieser christliche Nationalismus sei ein breites Phänomen. Er zeige sich von den USA über Ungarn, Serbien, Rumänien bis nach Russland und verbünde sich mit evangelikalen, orthodoxen und katholischen Christen und Christinnen. Sein Spektrum reiche von radikalen Varianten wie einem weißen christlichen Nationalismus "bis hin zu soften Varianten à la christlicher Leitkultur", so Moser.
Gemeinsam sei den unterschiedlichen Spielarten, dass sie das Christentum in die politische Identität einbauen. Damit aber verändere sich auch das Christentum selbst. Die biblische Botschaft und mit ihr die christlichen Werte würden, distanziert-beobachtend formuliert, umformatiert.
Die Kreuzigung sei die schlimmste und schändlichste Art der Todesstrafe in der Antike gewesen, so Moser. Mit dem Kreuz habe das Christentum ein Instrument der politisch verordneten Demütigung und Hinrichtung ins Zentrum seiner Symbolwelt gestellt. Die Frage nach dem Zueinander von politischer und theologischer Bedeutung sei deshalb dem Kreuz quasi eingeschrieben. Und es gebe nicht nur eine Antwort für diese Frage. "Das Kreuz kann heilen und verletzen, es kann ermächtigend und befreiend wirken, aber auch versklavend und unterdrückend", zitiert Moser James Cone, einer der Väter der "black theology".
"Wofür steht das Kreuz?"
Und die Diakoniedirektorin stellt die Frage: "Wofür steht das Kreuz? Wofür soll es stehen? Für Solidarität und Mit-Leidenschaft mit denen, die Leiden und Ohnmacht erfahren, und für die Kritik an Ungerechtigkeit, die Leiden verursacht - sei es durch Gewaltausübung und Demütigung, sei es durch mangelnde Sorge und Verunglimpfung derer, die sich nicht selber helfen können? Oder steht es für die Zugehörigkeit zu einem Wir, das sich radikal von den anderen abgrenzt, Interessen der eigenen Gruppe über das Gemeinwohl stellt und sich an das Gewinner-Prinzip hält - wobei gewinnen heißt, andere müssen verlieren? Für Gottes Liebe für alle Menschen oder für die Auserwählung der eigenen Nation?"
Das sei nicht nur eine politische Frage, sondern auch und vor allem eine Frage nach den Grundsätzen des christlichen Glaubens. Und diese stehen laut Moser aktuell zur Disposition. Ihr Fazit: "Kirchen wie einzelne Christen und Christinnen sind gefordert, Irrwege klar zu benennen und zur Umkehr aufzurufen."
Quelle: kathpress