
Religion und Macht: Kirchenvertreter warnen vor "Gift"
"Es ist Gift, wenn Religion mit politischer Macht zusammen geht. Denn dann stellt sich immer die Frage: Wo bleibt die Freiheit?": Wo religiöse Wahrheitsansprüche mit staatlicher Autorität verknüpft würden, entstehe Zwang mit teils "tödlichen" Folgen, davor haben in einem Interview mit der Wochenzeitung "Furche" (10. April) der oberösterreichische evangelische Superintendent Gerold Lehner und der katholische Abt Bernhard Eckerstorfer gewarnt. Beide sprachen sich im Rahmen der "Parzer Gespräche" in Grieskirchen für eine klare Trennung von Glauben und Macht aus und äußerten Kritik an aktuellen politischen Entwicklungen im In- und Ausland.
Wo religiöse Wahrheitsansprüche mit staatlicher Autorität verbunden würden, entstehe Zwang mit teils "tödlichen" Folgen, so Lehner. Dies zeige auch die Geschichte, wie die konfessionellen Konflikte der Frühen Neuzeit. Kritisch äußerten sich beide Kirchenvertreter zur Verwendung religiöser Symbolik in der Politik. Aussagen, wonach das Christentum zur österreichischen Identität gehöre, seien zwar historisch zutreffend, problematisch werde es jedoch bei politischer Nutzung. "Dann habe ich ein Problem", so Lehner mit Blick auf mögliche Ausgrenzungseffekte.
Eckerstorfer - seit 2025 Abt des oberösterreichischen Stiftes Kremsmünster - warnte vor politischen Inszenierungen, in denen Akteure sich als alleinige "Verteidiger des Christentums" darstellen. Anlass der Debatte ist unter anderem ein Posting von FPÖ-Chef Herbert Kickl, der den christlichen Glauben als Teil der österreichischen Identität bezeichnete. Eckerstorfer zeigte sich dabei skeptisch gegenüber einer religiösen Aufladung politischer Botschaften, insbesondere wenn diese nicht durch persönliche Praxis gedeckt sei.
Besorgt zeigten sich beide über internationale Entwicklungen, etwa in den USA oder Russland. Lehner bezeichnete es als "absurd", dass Christen Politiker unterstützten, die ein "amoralisches Leben" führten, solange diese religiöse Symbolik oder gemeinsame Themen - etwa Abtreibung - bedienten. Dies schade der Glaubwürdigkeit des Christentums. Eckerstorfer sprach von einer "Tragik" für die Kirchen, wenn politische Führungsfiguren religiös überhöht würden. "Es ist eine Gefahr, wenn Menschen eine politische Agenda haben und das in die Kirche und religiöse Leben importieren", so Eckerdorfer, ehemaliger Rektor der Hochschule Sant'Anselmo in Rom. Letztendlich gehe es der Kirche "zuerst einmal um Jesus Christus", umso mehr müssten sich Kirchen gegen politische Vereinnahmung wehren.
Bauernkriege und Machtpolitik
Lehner erinnerte zudem an die problematische Geschichte des Christentums im Zusammenhang mit politischer Macht: "Immer dort, wo die Kirche politische Macht hatte, ist ihr das selbst und auch den anderen nicht gut bekommen." Als Beispiel nannte er die oberösterreichischen Bauernkriege im 17. Jahrhundert: "Das Tödliche war ja hier nicht, dass zwei Parteien unterschiedliche Wahrheitsansprüche hatten, sondern dass dieser Wahrheitsanspruch mit Macht verbunden war."
Beide plädierten für einen religionsneutralen Staat, der historische Prägungen anerkennt, ohne Religion politisch zu vereinnahmen. Zugleich wandten sie sich gegen eine Verdrängung von Religion aus dem öffentlichen Raum. Religiöse Symbole wie Kreuze seien Teil der Geschichte, betonte Eckerstorfer. Entscheidend sei ein gesellschaftlicher Dialog in einer pluralen Gesellschaft.
Hintergrund des Interviews ist das "Frankenburger Würfelspiel" 1625, bei dem 38 protestantische Bauern und Bürger aus Frankenburg auf Befehl des katholischen Statthalters Adam Graf von Herberstorff um ihr Leben würfeln mussten. Auf dieses Ereignis folgte im heutigen Oberösterreich der Bauernkrieg von 1626, der sich gegen die Gegenreformation richtete und tausende Opfer forderte.
Quelle: kathpress