
Krautwaschl: Bildung als Gegenmodell zur Polarisierung
Österreichs "Schulbischof" Wilhelm Krautwaschl sieht kirchliche Bildungseinrichtungen als entscheidenden Ort, um gesellschaftlicher Spaltung entgegenzuwirken. Im Podcast "Herzhoffen" des Campus Augustinum gemeinsam mit dessen Rektorin Andrea Seel betonte der steirische Diözesanbischof, Bildung müsse über reine Wissensvermittlung hinausgehen und den Menschen in seiner gesamten Lebenswirklichkeit begleiten. Ziel sei es, "Menschen zum Leben zu verhelfen" - nicht erst in einer jenseitigen Perspektive, sondern konkret im Hier und Jetzt.
Nicht durch Abgrenzung, sondern durch Beziehung entstehe Identität, betonte Krautwaschl. Es gelte: "Ich bin, weil es dich gibt." Gerade in einer Zeit zunehmender Polarisierung und Individualisierung brauche es Orte, an denen Gemeinschaft praktisch gelebt werde. Bildungseinrichtungen hätten hier eine besondere Verantwortung, da sie kontinuierlich neue Generationen erreichen und prägen.
Der Campus Augustinum in Graz im Bischöflichen Seminar sei ein Beispiel für ein solches Modell. Die Verbindung verschiedener Bildungsstufen - von Kindergarten, Volksschule und Gymnasium bis hin zu den Kollegs für Sozial- und für Elementarpädagogik, zum Konservatorium und zur Privaten Pädagogische Hochschule - und das Zusammenleben unterschiedlicher Generationen ermögliche eine Form des Lernens, die über Unterricht hinausgehe. Entscheidend sei dabei das langfristige Denken: Veränderungsprozesse in Organisationen bräuchten Zeit. "Zehn bis fünfzehn Jahre", so Krautwaschl, seien realistisch, um gemeinsame Identität wachsen zu lassen. Ein rascher Wandel "auf Knopfdruck" sei illusionär.
Konflikte aushalten, Beziehungen gestalten
Zugleich warnte der Bischof vor einem verkürzten Bildungsverständnis. In einer "schnelllebigen Welt" gehe es nicht nur um Qualifikation, sondern um Orientierung in größeren Zusammenhängen. Dazu gehöre auch die Fähigkeit, Konflikte auszuhalten und Beziehungen zu gestalten. Der kirchliche Bildungsauftrag bestehe darin, diese Dimensionen offenzuhalten, ohne moralischen Druck auszuüben.
Mit Blick auf globale Entwicklungen sieht Krautwaschl die Aufgabe der Kirche unverändert: Frieden zu fördern und Menschen in ihrer Würde zu stärken. Angesichts gesellschaftlicher Spannungen brauche es "Alternativmodelle", die zeigen, wie Zusammenleben gelingen könne. Bildungseinrichtungen seien dafür zentrale Orte, weil sie Räume für Dialog, Wertschätzung und gemeinsames Lernen bieten.
Die Zukunft solcher Institutionen liege darin, sich immer wieder neu auf gesellschaftliche Veränderungen einzustellen, ohne ihren Kern zu verlieren. "Das ist nie abgeschlossen", so Krautwaschl. Gerade darin liege ihre Stärke.
Vielfalt als Bildungsauftrag
Augustinum-Rektorin Andrea Seel hob die besondere Rolle der Hochschule im Spannungsfeld zwischen staatlichem und kirchlichem Bildungsauftrag hervor. Entscheidend sei dabei ein Bildungsverständnis, das den Menschen ins Zentrum stelle und sich an den realen Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft orientiere. Religiöse Bildung gewinne ihre Relevanz erst dann, wenn sie sich mit unterschiedlichen Weltanschauungen auseinandersetze und diese professionell bearbeitbar mache, so die Leiterin der Privaten Pädagogischen Hochschule. Schule sei heute ein Ort wachsender Diversität; diese Vielfalt sei jedoch kein Problem, sondern ein gestaltbarer Bildungsauftrag.
Für die Ausbildung künftiger Lehrkräfte sieht Seel die Balance zwischen fachlicher Sicherheit und persönlicher Entwicklung als zentral. Studierende benötigten einerseits Werkzeuge und Routinen für den Berufsalltag, andererseits die Fähigkeit zur Reflexion und Weiterentwicklung. Ebenso wichtig seien Resilienz und soziale Kompetenzen, um mit Unsicherheiten und steigenden Anforderungen umgehen zu können. Bildung müsse daher nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch Orientierung geben und Zuversicht stärken. Dies gelte besonders in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.
Quelle: kathpress