
Wien: Stadttempelumbau legt Spuren der Geschichte frei
Der Wiener Stadttempel soll zu seinem heuer 200-jährigen Bestehen in neuem Glanz erstrahlen: Derzeit legt die Renovierung der ältesten aktiven Synagoge in Österreich Spuren seiner Geschichte frei, die auch nach der Sanierung sichtbar bleiben sollen. Funktionell geht es darum, den Ort "zukunftsfit" zu machen und den Tempel nach außen hin zu öffnen. "Die Synagoge ist in die Jahre gekommen", erklärte Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), bei einer Baustellenbegehung am Dienstag. Das Gebäude werde effizienter gestaltet, barrierefrei und sicherheitstechnisch auf den neuesten Stand gebracht.
"Dieser Stadttempel ist nicht nur eine Visitenkarte für die jüdische Gemeinde, sondern auch eine Visitenkarte für Österreich und die Stadt Wien", so Deutsch. Der Umbau solle auch eine Einladung an österreichische und ausländische Gäste sein, das "Juwel" zu besichtigen, um ihnen jüdische Institutionen näherzubringen. Die Umbaukosten von 10,5 Millionen Euro tragen jeweils zu einem Drittel die Stadt Wien und der Bund. Für den Rest kommt die IKG mit privaten Spenden auf.
Der neue Stadttempel soll mehrere Funktionen erfüllen, erklärte Deutsch im Interview mit Kathpress: "Eine Synagoge ist nicht nur eine Betstube, sondern ein Ort der Begegnung." Nach der Fertigstellung des Gebäudes sollen etwa Konzerte stattfinden und täglich 100 Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, das Haus und das jüdische Leben kennenzulernen.
Der Wiener Stadttempel wurde ab 1822 nach Plänen von k. k. Architekt Joseph Kornhäusel in einem Gebäudekomplex in der Seitenstettengasse 2-4 in der Wiener Innenstadt errichtet und am 9. April 1826 eröffnet. Seither wurde die Synagoge mehrfach renoviert, umgebaut und 1938 von den Nazis schwer verwüstet. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Stadttempel unter der Verwendung geringer finanzieller Mittel instand gesetzt und wiedereröffnet. Seit Herbst 2025 werden dringend notwendige Restaurierungs- und Sanierungsarbeiten vorgenommen - darunter der Austausch der desolaten Fenster, die Sanierung der Fassade und Stiegenhäuser sowie der Einbau einer Lüftung und Klimaanlage.
Die Renovierung und Sanierung des Stadttempels beschrieben die verantwortlichen Architekten Natalie Neubauer und Eric Tschaikner (KENH Architekten) als Freilegen von Spuren. "Das Gebäude hat sich in den letzten 200 Jahren immer wieder verändert und die Umbauten haben verschiedene Fassungen hervorgebracht, die alle in gewisser Weise eine Berechtigung haben", erklärte Tschaikner im Kathpress-Interview. Nun werde eine neue Schicht zum Konglomerat hinzugefügt. "Wir wollen nicht auf eine Urfassung zurückgehen, sondern die Spuren sichtbar machen, sodass, wenn man das Gebäude mit aufmerksamen Augen in Zukunft betrachten wird, es seine Geschichte weitererzählen kann."
Materielle und immaterielle Glücksfunde
Im Zuge der Umbauarbeiten habe man eine gleichsam "forensische Arbeit" betrieben und sei auch immer wieder auf "schöne Überraschungen" gestoßen, so Neubauer. Unter mehreren Schichten Verputz wurde etwa ein dringend benötigter, aber unleistbarer Steinsockel gefunden; unter der Bima (Kanzel) wurde ein 200 Jahre alter Boden aus Budapester Marmor gefunden, der nicht mehr vorhanden geglaubt war.
Auch viele Erkenntnisse über die Geschichte des Tempels wurden gewonnen, erzählte Tschaikner. "Alte Pläne wurden gefunden, wir haben Kupferstiche ausgehoben, es sind Gemeindemitglieder mit alten Fotos zu uns gekommen, Leute haben ihre Sammlungen geöffnet und auch die Nationalbibliothek hat Dinge beigetragen", so der Architekt. Das Gebäude sei ein "verstecktes Juwel", das "so schlicht nach außen in den Stadtraum geht und sich dann nach innen hin so imposant entwickelt".
Wiedereröffnung im September
Zu den hohen Feiertagen - Rosch Haschana - im September hofft die Gemeinde, den Tempel wiedereröffnen zu können. Derzeit liege man gut in der Zeit, so Deutsch. Auch finanziell ist der Umbau nahezu gesichert: Mit Stand 14. April sind bereits 81 Prozent des Spendenziels erreicht, teilte die IKG mit. Im Sommer wird ein vom bekannten Künstler Gottfried Helnwein gemaltes Bild eines Kindes aus der jüdischen Gemeinde versteigert werden, das dieser auf eine beim Baustart abmontierte Holzpaneele aus dem Stadttempel malt. Als Anreiz für Spenden werden Sterne an der hellblauen Kuppel der Synagoge (inspiriert von Mozarts "Zauberflöte") den Fördergebern gewidmet. (Infos: https://www.stadttempel.at/)
Weitere Veranstaltungen sind für Gemeinde wie Öffentlichkeit im September geplant: So wird es eine Hachnasat Sefer Tora (hebr. "Einbringen einer Torarolle") - eine feierliche Zeremonie zur Einweihung der Torarolle - geben. Auch ein Eröffnungskonzert mit Oberkantor Shmuel Barzilai und dem Star-Kantor Shulem Lemmer ist geplant. Zur Eröffnung wird eine Stadttempel-Briefmarke präsentiert und eigens ein Sonderpostamt in der Seitenstettengasse eingerichtet. Ebenso wird im September eine Festschrift zum Stadttempel veröffentlicht, in der die Geschichte und Bedeutung dieses österreichischen Kulturerbes aufgearbeitet werden, kündigte die Kultusgemeinde an.
Quelle: kathpress